Kirchenchor

Der Kirchenchor ist eine Bereicherung – für einen selbst und die ganze Gemeinde. Kommen Sie dazu!

„Wir sind eine lustige Truppe und singen gerne – so ziemlich alles: quer Beet durch die Stile. Deshalb eignet sich der Kirchenchor gut für Neueinsteiger.“

Herzliche Einladung zu den Chorproben
mittwochs, 19.00 Uhr
im Musiksaal der Deutschen Botschaftsschule!

Die Evangelische Gemeinde in Addis Abeba (1973)


In der Nähe der Haile-Selassie I.-Universität am Sidist Kilo und am Rande der großen Kaiser-Wiese, Dchanhoi Meda, steht eine ungewöhnliche, aber schöne moderne Kirche. In dem großen Garten rund um die Kirche sind Pfarrhaus, Versammlungsraum und ein Schulgebäude. Blinde Bettler; Mitglieder des diplomatischen Korps; äthiopische Kinder; Ärzte; Frauen, Männer und Jugendliche verschiedenster Hautfarben gehen täglich ein und aus. Jeder kennt sie als „the German Church“; die „deutsche Kirche“, obgleich sie sich ganz bewusst, im Hinblick auf die nichtdeutschen Mitglieder, „Evangelische Gemeinde Deutscher Sprache“ nennt.

Wieso gibt es eine Evangelische Gemeinde Deutscher Sprache in Äthiopien und seit Wann? Sicherlich seitdem sich zwei oder drei Deutsche evangelischen Glaubens im Lande Äthiopien befanden — denn „wo zwei oder drei zusammen sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter euch!“ — da ist also Gemeinde. Zu den ersten Deutschen, die sich überhaupt in Äthiopien niederließen, um länger hier zu arbeiten und wohnen, gehörten die Missionare. Die Hermannsburger Mission wollte bereits 1848 in diesem Lande unter den Galla arbeiten. Aber erst im Jahre 1928 konnten die Missionare hier anfangen. Sie hielten auch Gottesdienste für sich, unterrichteten ihre eigenen Kinder und besprachen in ihrer Muttersprache die Fragen und Probleme, die ihnen in diesem Lande begegneten. Die anderen deutschsprachigen Menschen, Mitglieder des diplomatischen Korps, Forscher, Geschäftsleute, Abenteurer, Reisende usw. nahmen an den Gottesdiensten teil, schickten ihre Kinder in die deutschsprachige Schule der Mission und kamen in Gespräche über Arbeit und Hiersein im Kaiserreich Äthiopien. Daraus entstand zunächst unbewusst —, dann ganz bewusst, eine „Gemeinschaft Evangelischer Christen Deutscher Sprache in Äthiopien“. Die Notwendigkeit eines solchen geistlichen Mittelpunktes ergab sich aus der Situation. Einige Male ist die Kontinuität der Gemeinde durch Krieg oder andere Umstände unterbrochen worden —aber sie entstand immer wieder neu.

Ein Hauptgrund dafür ist, dass in diesem Lande eine richtige Integration Europäer und Äthiopier weder erwünscht noch möglich ist.

Sehen wir uns nun die Deutsche Gemeinde genauer an. Das Land, auf dem alles steht, wurde vom Kaiser geschenkt und wird auf DM 300.00,— geschätzt. Ein wahrhaft kaiserliches Geschenk an eine kleine Gruppe Menschen, hauptsächlich aus Dankbarkeit, dass ein paar deutsche Frauen die fromme Erziehung seiner Kinder, Neffen, Nichten und Enkel übernommen haben. Alles hier ist auf Beziehung oder besser gesagt, auf „Vertrauen in Personen“, aufgebaut.

Die Kirche selbst ist der Entwurf eines früheren Kunstlehrers der Deutschen Schule, Herrn Dinkhuhn, der sie für „äthiopisch“ hielt. Die Umgestaltung seiner Grund-Idee wurde von einem deutsch-französischen Architekten vorgenommen, der die State Bank und andere Rundgebäude hier im Lande baute.

Die Kirche trägt den Namen „Kreuzkirche“ (amharisch: Mäskäl-Kirche). Bei ihrer Einweihung nahmen zum ersten Male im Lande alle hiesigen Kirchen teil, von der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche über die Mäkanä-Ijäsus-(äthiopisch lutherische) Kirche, bis hin zur Katholischen Kirche. Die Äthiopier sehen den Bau als „typisch deutsch“ an und staunen darüber, dass die Deutschen nicht nur Mercedes und Volkswagen bauen können. Orthodoxe Priester verbeugen sich vor der Kirche, und wenn sie hineinschauen, in den wirklich gelungenen Innenraum mit seinem sich nach oben verjüngenden Pfeilern, die sich zu einer tiefblauen afrikanischen Himmelsdecke voller Sterne strecken, und wenn sie das große Holzkreuz bis beinahe unter der Decke erblicken, und wenn sie durch das runde Fenster über dem großen ellipsenförmigen Altar auf das Turmkreuz blicken, sagen sie erstaunt: „Sind Deutsche auch Christen? Das wussten wir nicht!“ Der jetzige Patriarch drückte es so aus: „Wir nehmen Euch als Brüder in Christus auf —, weil Ihr auch eine große Kirchentradition habt!“ Im groß angelegten Pfarrhaus finden regelmäßige wöchentliche Gesprächsabende über alle Fragen der Entwicklungshilfe, Wirtschaft und Theologie statt. Ein neutraler Ort der Begegnung für Menschen, die „Deutsch reden“ möchten. Auch ein gastfreies Haus, in dem eine Mutter über ihre Kindererziehung, ein orthodoxer ‚Bischof über seine Handwerkerschule, eine Prinzessin über ihre Sozialaufgabe, ein Tourist über seine Eindrücke vom Lande, oder ein Hippie über seine Geldnöte reden kann.

Die Sozialgebäude wiederum zeigen, dass die Kirche ernsthaft versucht, ihre Aufgaben in der Welt wahrzunehmen. Blinde Bettler, verlauste Kinder, Soldatenfrauen, Kleinbürger des Landes, entwurzelte Bauern, Teenagers, die ihre Schulbildung nicht zu Ende machen konnten, werden hier betreut. Von Montag bis Samstag, 9.00 bis 20.00 Uhr, ist dieses Zentrum für sie offen. Sie nennen es ihre Kirche, obgleich der Religionsunterricht, den sie bekommen, von einem orthodoxen Priester erteilt wird. Der Stab besteht aus Äthiopiern und Europäern, die hier zusammenarbeiten.

Der Dienst der Evangelischen Gemeinde zu Addis Abeba Jeden Sonntag um 10.30 Uhr hält die Gemeinde in der Kreuzkirche Gottesdienst und Kindergottesdienst. An jedem ersten Sonntag im Monat wird das Abendmahl gefeiert. Wöchentlich finden Vortrags- und Aussprache-Abende für Erwachsene statt. Die Jugend wird zu Film,- Schallplatten-, Diskussionsabenden und Ferienlagern besonders eingeladen. Kindernachmittage werden regelmäßig durchgeführt. Der Chor der Gemeinde ist international und überkonfessionell besetzt. Die Theatergruppe der Gemeinde tritt mehrere Male im Jahr mit Aufführungen an die Öffentlichkeit. Gemeindemitglieder leiten die umfangreiche Sozialarbeit (z. B. Näh- und Kochkurse, Literacy, Kinder-Vorschule, Abendkurse usw.) für etwa 150 Äthiopier der Nachbarschaft, und 30 Blinde.

Auch für überkonfessionelle Veranstaltungen und Gottesdienste anderer Konfessionen wird die Kirche zur Verfügung gestellt. Eine Buchhandlung ist mit Büchern der deutschen Sprache der Kirche angeschlossen. Die Gemeinde pflegt die Verbindung zu Christen anderer Konfessionen und Nationen. Sie steht in der ökumenischen Bewegung und ist offen für alle Menschen, die am Leben der Gemeinde teilnehmen und bei der Erfüllung ihrer Aufgaben helfen wollen.

William Lane Graffam

William Lane Graffam war der erste von der EKD entsandten Pfarrer der deutschsprachigen Gemeinde in Addis Abeba. Er war von 1966 – 1975 Pfarrer unserer Gemeinde.

aus: „Zeitschrift fuer Kulturaustausch“, Sonderausgabe 1973, „Aethiopien“

Eine Kirche – nicht zu groß und nicht zu klein

Ansprache von Pastor Johannes Launhardt am 26. Juni 1966 in Addis Abeba anlässlich der Einweihung der Evangelischen Kreuzkirche in Addis Abeba

Liebe Brüder und Schwestern, verehrte Anwesende!

Ich soll etwas über die Geschichte unserer Gemeinde sagen. Ich weiß nicht, ob Sie alle es verstehen werden, wenn ich hervorhebe, dass für mich der heutige Tag ein ganz besonderer Tag ist. Mehr als 7 Jahre habe ich hier in Addis Abeba gearbeitet und meine Verbindung zur deutschen Gemeinde geht zurück bis in das Jahr 1956. Dass unsere Gemeinde heute ihr neu errichtetes Gotteshaus weihen konnte, ist für mich mehr als nur eine schöne und würdige Angelegenheit. Dass wir eine eigene Kirche einweihen konnten, ist für mich eine Gebetserhörung und ein Zeichen der Gnade Gottes. Aus diesem Grunde habe ich auch gern zugesagt, aus Wollega in Westäthiopien nach Addis Abeba zu kommen und heute Abend etwas über die Anfänge der deutschen evangelischen Gemeinde zu sagen.

Wenn ich nun etwas über die Entstehung der evangelischen Gemeinde deutscher Sprache oder „der Gemeinde evangelischer Christen“, wie unsere Gemeinde früher hieß, sagen soll, dann kann ich nicht umhin, etwas über die Hermannsburger Mission zu sagen. Bereits im vorigen Jahrhundert hatten Hermannsburger Missionare versucht, von der ostafrikanischen Küste aus zu den Oromo – damals sagte man Galla – zu gelangen und ihnen die Botschaft von Christus zu bringen. Die Versuche scheiterten jedoch am Widerstand der muslimischen Behörden und auch an anderen widrigen Umständen. Erst 1927 gelang es den Hermannsburger Missionaren nach Äthiopien zu kommen und genau in diese Zeit fällt die Entstehung der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde. Die Hermannsburger Missionare, und besonders Pastor Bahlburg, luden alle Menschen deutscher Sprache, also Deutsche, Österreicher und Schweizer, zu ihren Gottesdiensten auf den Missionsplatz ein und so entstand eine Gemeinde. Die meisten von Ihnen werden wahrscheinlich nicht wissen, wo die alte deutsche Mission liegt, aber gewiss sind Sie schon daran vorbeigefahren. Der alte Missionsplatz liegt in AA- Ketschene, in der Nähe der Medhane-Alem-Kirche. Auf diesem, von der Hermannsburger Mission gekauften Grundstück, versammelte sich in den 1930er Jahren jeden Sonntag die deutschsprachige evangelische Gemeinde. Dort war auch die Deutsche Schule, Vorläufer der jetzigen Deutschen Schule. Es gab eine Bibliothek und viele andere Möglichkeiten.

Diejenigen unter uns, die sich noch an jene Zeit erinnern, denken gern daran zurück. Autos gab es ja kaum, und so ritt man zu Pferde sonntags zur Deutschen Mission. Man ging dort zum Gottesdienst, blieb aber meistens nach dem Gottesdienst noch da. Die Jüngeren spielten, man konnte singen und Posaune blasen. Man konnte sich Bücher aus der Bibliothek holen und lesen. Und diejenigen, die es sich gemütlich machen wollten, fanden auch einen Liegestuhl. Man sagte mir, dass es meist auch eine Erbsensuppe im Pfarrhaus gab, so dass man wirklich den Sonntagvormittag und auch den Nachmittag auf dem Missionsplatz in Addis Abeba Ketschene verbringen konnte.

Auch während der italienischen Besatzungszeit, die ja 1935 begann, konnten die Deutschen auf dem Platz der Hermannsburger Mission zusammenkommen um Gottes Wort zu hören und sich zu treffen. Der deutsche Schulunterricht wurde ebenfalls fortgeführt. Dies änderte sich, als 1941 Äthiopien mit Hilfe der Engländer von der italienischen Herrschaft befreit wurde. Die Deutschen, auch die Missionare, kamen in Internierungslager, der Missionsplatz wurde beschlagnahmt, und es wurde für über zehn Jahre in Addis Abeba kein deutschsprachiger Gottesdienst mehr gehalten.

Nach dem Kriege waren es zunächst auch wieder Hermannsburger Missionare, die sich um die geistliche Begleitung der in Äthiopien lebenden Deutschen kümmerten. Ich möchte hier besonders Pastor Dietrich Wassmann nennen. Die Hauptarbeit der Missionare lag jedoch in Westäthiopien und sie kamen nur in die Hauptstadt, wenn sie dienstliche Dinge zu erledigen oder Einkäufe zu tätigen hatten. Neben einigen Deutschen und Schweizern bemühte sich besonders Herr Thiel in den Jahren 1951 bis 1957 um die Sammlung der evangelischen Christen deutscher Sprache. Herr Thiel. von Haus aus Ingenieur, wurde zum „Lektor“ berufen, der nebenberuflich Gottesdienste hielt und Konfirmanden unterrichtete. Wenn ordinierte Missionare in der Stadt waren, hielten sie Sakramentsgottesdienste und führten kirchliche Amtshandlungen durch. Herr Thiel war es auch, der zusammen mit P. Wassmann dahin wirkte, dass die Gemeinde sich im November 1952 neu konstituierte und sich eine Verfassung gab. Der Abschluss eines Vertrages zwischen unserer Gemeinde und der VELKD fällt auch in diese Zeit. – Ein einfacher Raum in einem Lehmhaus, nahe der Ras Makonnen Brücke, war gemietet und für Gottesdienste hergerichtet worden.

Als ich im Jahre 1957 von der Hermannsburger Mission nach Addis Abeba versetzt wurde um eine neue Station aufzubauen und die Mission in der lutherischen Kooperation und gegenüber den Behörden zu vertreten, beschloss die von Lektor Thiel geleitete Gemeindeversammlung mich zum Pastor der Gemeinde zu berufen (nebenamtlich). Sonntags traf sich damals eine kleine Schar von sechs bis zehn Personen. Manch einer fragte deshalb, ob es angesichts der geringen Beteiligung – in West-und Südäthiopien waren die Kirchen übervoll – überhaupt nötig sei, jeden Sonntag deutschen Gottesdienst zu halten. Ich dachte anders: Es geht bei Gott nicht um große Zahlen, und wenn nur an jedem zweiten oder dritten Sonntag Gottesdienst ist, wissen neue und seltene Besucher nicht, ob an dem betreffenden Sonntag Gottesdienst ist oder nicht. Der Glaube kommt ja aus dem Hören auf das Wort Gottes; um das zu hören, muss es gelesen und gepredigt werden. Deshalb haben wir uns entschlossen, an jedem Sonntag deutschsprachigen Gottesdienst zu halten, auch wenn nur fünf Leute kamen.

Aber die Dinge änderten sich. Hatten wir in den ersten Jahren einen Gottesdienst-besuch von sechs bis zehn Personen, so wurden es zum Beginn der 1960er Jahre 28 Personen im Durchschnitt. Es wurde nötig, einen Kindergottesdienst einzurichten. Das hat meine Frau getan. Später gab es sogar zwei Kindergottesdienst-Gruppen. Die durchschnittliche Zahl der Gottesdienstbesucher stieg von 28 auf 33 und noch höher. Für uns war das ein klares Zeichen dafür, dass wir eine eigene Kirche wirklich brauchten. Unser angemieteter Raum im Lehmhaus hatte sich als zu klein und auch äußerlich als zu abstoßend erwiesen. Aus diesem Grunde zogen wir 1961 in einen Klassenraum der Deutschen Schule um. Ich möchte an dieser Stelle den Verantwortlichen der Deutschen Schule ganz besonders danken für die Bereitschaft, uns wie selbstverständlich Sonntag für Sonntag einen Raum mit Inventar zur Verfügung zu stellen. Es war eine große Hilfe, aber wir waren uns alle darin einig, dass der beste Klassenraum ein Kirchgebäude nicht ersetzen kann. Für eine Trauung, eine Konfirmation oder eine Trauerfeier ist ein Klassenraum schlecht geeignet. Wir mussten immer wieder Kirchen mieten, und zwar die äthiopische evangelische Mekane Yesus Kirche oder die kleinere Anglikanische Kirche. Dafür zahlten wir pro Veranstaltung 35,00 – 50,00 äthiopische Dollar. Der Wunsch nach einer eigenen Kirche wurde immer lauter.

Aber wie sollten wir es bewerkstelligen? Wir waren eine kleine Gemeinde, die auch bei gutem Willen nicht einfach Zehntausende oder Hunderttausende aufbringen konnte. Dazu kam, dass wir als ausländische Vereinigung in Äthiopien keinerlei Grund und Boden erwerben konnten. Die Gemeindeversammlung hatte sich trotz einiger Gegenstimmen für einen Kirchbau entschieden,, aber die Verwirklichung war nicht einfach. Zunächst mussten wir ein Grundstück bekommen. Dass wir eine Kirche nicht auf gepachtetem Land bauen würden, war jedem einsichtig. So einigten wir uns, den Kaiser Haile Selassie um ein Baugrundstück zu bitten und hatten das feste Vertrauen, dass er uns das Land geben würde. Aber wie sollte unsere Bitte zum Kaiser kommen.

 Ich versuchte es zunächst über den Palastminister. Der sagte: „Die Deutschen sind doch reich. Wenn Sie bereit sind zu bezahlen, dann werde ich mich beim Kaiser dafür verwenden, dass Sie eine Genehmigung bekommen, im Namen der Gemeinde Land zu erwerben.“ Aber wir hatten das Geld ja nicht. So sprach ich andere Leute, die Zugang zum Kaiser hatten, an und trug ihnen unser Anliegen vor. Ich sprach mit dem Patriarchen der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche, mit Staatsrat Hall, der viel für Äthiopien getan hatte, mit einflussreichen Persönlichkeiten und selbstverständlich auch mit den jeweiligen deutschen Botschaftern. Alle versicherten mir, dass sie uns helfen wollten, wenn sich eine günstige Gelegenheit ergäbe. Aber die Gelegenheit ergab sich anscheinend nie, denn unsere Bitte kam nicht zum Kaiser.

Schließlich war es eine Frau unserer Gemeinde, die mutig und vertrauensvoll unser Anliegen dem Kaiser vortrug. Ihr Name ist Vera Schumacher, geborene Hall. Sie, wie auch ihre Schwester, waren Erzieherinnen am kaiserlichen Hof gewesen und hatten auch öfter besondere Kekse für den Kaiser gebacken. Es gehörte sich, dass sie sich, wenn sie nach Deutschland auf Urlaub fuhr, beim Kaiser verabschiedete. So ging sie im Sommer 1961 wieder in den Palast um ihre Reise nach Deutschland anzuzeigen, aber auch um unser Anliegen vorzubringen. Sie musste das natürlich geschickt anstellen und durfte nicht mit der Tür ins Haus fallen. Später erzählte sie mir, wie es war: Nach anfänglichem netten Gespräch fragte der Kaiser: „Madame, kann ich etwas für Sie tun?“ Und da sagte sie: „Majestät, für mich nichts, aber unsere deutsche Gemeinde braucht ein Stück Land, etwa 5000 Quadratmeter für eine Kirche, Pfarrhaus und Gemeindezentrum.“ Da fragte der Kaiser: „Wie viel Geld habt ihr denn?“ Sie sagte „Ungefähr 30.000 Birr.“ Der Kaiser erwiderte: „Das ist ja nicht viel, aber ihr könnt das Land haben,“ und er fügte hinzu: „Was ich der Kirche gebe, das gebe ich Gott. “ Das war ein wichtiger erster Schritt, der 1961 gemacht werden konnte.

Bis zu dem Tage, an dem wir unsere Besitzurkunde in Empfang nehmen konnten, war es jedoch noch ein weiter Weg. 1962 wurde mir vom kaiserlichen Güter-Verwalter ein Stück Land zugesagt, dass unser eigen werden sollte. Es waren etwa 5.000 Quadrat-meter aus dem Privatbesitz des Kaisers, gegenüber dem Neubau der Deutschen Schule gelegen. Wir waren hoch erfreut über die Lage, denn sie war sehr günstig und fingen an, das Land abzustecken. Dabei stellte sich heraus, dass es keinen Zugang zu einer Straße hatte. So begannen Verhandlungen mit der Stadtverwaltung wegen einer Zufahrt zur nahen King-George-Street. Als ich dann aber eines Tages auf der Deutschen Botschaft zu tun hatte, sah ich den Plan für den Bau einer Technischen Hochschule/Universität mit dem dazu erforderlichen Land. Unsere 5.000 Quadratmeter waren da eindeutig mit eingeplant. Nachdem ich das gesehen hatte, bedurfte es für mich keiner weiteren Benachrichtigung mehr. Mir war klar, im Falle einer Auseinandersetzung würde man der Technischen Universität in diesem Stadtteil den Vorrang geben vor einer evangelischen Kirche. Wir zogen die Konsequenzen und baten um ein neues Grundstück.

Nach längeren Verhandlungen wurde die Municipality of Addis Abeba und das Ministry of Pen angewiesen, uns ein Stück Land zu geben. Man zeigte uns das Grundstück, auf dem jetzt unsere Kirche steht. Die Lage war gut, aber der Untergrund morastig. Dazu gab es viele Verhandlungen wegen der Grenzen: Im hinteren Bereich verlief die Grenze mitten durch eine öffentliche Toilette, die Straßenfront betrug zuerst nur 35 Meter und die Grenze zur angrenzenden Schule sollte noch begradigt werden. Um das alles zu erledigen, mussten kleine Tauschdinge vorgenommen und andere Dinge geklärt werden. Es gab ständig neue Probleme, dass selbst Gemeindeglieder und Mitglieder im Kirchenvorstand sagten: Lasst doch die ganze Sache laufen. Man zieht die Sache offensichtlich in die Länge, um nicht Nein zu sagen, und um so vielleicht den Kirchbau als Ganzes zu verhindern.- Wir gaben nicht auf.

Als dann die Grenzen des Kirchengrundstücks einigermaßen klar waren, ergab sich ein anderes Problem: Die Behörden wussten, dass ich auch für die Hermannsburger Mission arbeite und schrieben als Eigentümer in den Title Deed, die Besitzurkunde, „German Mission“. Ich protestierte und wurde darin auch vom Außenamt der EKD sehr bestärkt. Eine ausländische Mission kann man verbieten, aber eine ausländische Gemeinde, die Glieder im Lande hat, kann man nach internationalem Recht nicht verbieten. Jede Religionsgemeinschaft hat das Recht, ihre Religion auch im Ausland auszuüben. Die Besitzurkunde muss also von „German Mission“ auf „German Evangelical Church“ geändert bzw. neu geschrieben werden. Das bedeutete, die Urkunde zurückzugeben und den ganzen Prozess mit all den erforderlichen Unterschriften noch einmal zu durchlaufen. So hat sich die ganze Sache wegen des Grundstücks von 1961 bis 1964 hingezogen.

 Liebe Brüder und Schwestern, ich möchte Ihnen hier offen sagen, dass wir besonders dann, wenn es am dunkelsten aussah, uns an Gott gewandt haben. Die Probleme mit dem Palastminister, dass wir mit der Stadtverwaltung und den Behörden oft nicht weiter kamen , wir haben es im Gebet vor Gott gebracht. Und dann ging es weiter, denn Gott erhört auch in unserer Zeit Gebete. Diese Erfahrung habe ich gemacht, und das will ich nicht verschweigen. Im August 1964 konnte ich schließlich die Besitzurkunde für unser Kirchengrundstück in Empfang nehmen, auf der nun wirklich als Besitzer stand: German Evangelical Church. Eine beglaubigte Kopie dieser Urkunde habe ich dann gleich bei der Deutschen Botschaft deponiert.

Wie es weiterging, haben die meisten von Ihnen selbst erlebt. Ich hörte, dass Bundespräsident Lübke zu einem Staatsbesuch nach Äthiopien käme . Über die Deutsche Botschaft gelang es, das fertige Besuchsprogramm zu ändern und der katholische Bundespräsident war auch bereit, den Grundstein zu unserer evangelischen Kirche zu legen. Das geschah im Oktober 1964, und die Worte des Präsidenten: „Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen,“ habe ich noch im Ohr. Es war ein guter Tag für unsere Gemeinde. Als mir später Bundespräsident Lübke noch einen Scheck über 5000,00 DM für den Kirchbau übergab, dem ein Scheck von Bundeskanzler Erhard in gleicher Höhe folgte, gab es nur Grund zum Danken.

Im Januar 1965 konnten wir die Bauverträge unterzeichnen. Es hatte mehrere Entwürfe für den Kirchbau in Addis Abeba gegeben, zunächst ein groß angelegtes Gemeindezentrum, wofür man 5.000 Quadratmeter bräuchte, dann eine kleinere neugotische Kirche, aber schließlich einigten wir uns auf einen anderen Entwurf. Der Gedanke dahinter war, dass man im traditionellen Afrika runde Häuser baut und so fand der Entwurf des deutschen Architekten R. von Seela von dem Bureau d’Etudes Henri Chomette allgemeine Zustimmung. Mir ging es darum, eine Kirche zu bekommen, in der 25 – 30 Leute sich nicht verloren vorkommen, die aber andererseits so groß ist, dass auch 250 Personen darin Platz finden. Ich denke, dieses hat die Firma Chomette mit Herrn von Seela gut gelöst und ich bin mit dem Endergebnis sehr zufrieden.

Leider musste ich auf Beschluss der Mission und auf Wunsch der Westsynode der EECMY im März 1965 Addis Abeba verlassen, um in Aira die Leitung der Bibelschule und die der äthiopischen Grund- und Mittelschule zu übernehmen. (Zwei leitende Mitarbeiter hatten Aira in Westäthiopien verlassen). Für mich und meine Familie war das nicht so erfreulich, aber ich bin froh, dass heute diese auch architektonisch bedeutende Kirche eingeweiht werden konnte. Ich danke Gott von ganzem Herzen und allen, die dazu beigetragen haben.

Gott segne dieses Gotteshaus und die ganze Gemeinde!

Johannes Launhardt

Gemeindeaufbau – mit Menschen und Steinen

Ein Rückblick von Pfarrer Johannes Launhardt, der 27 Jahre in Äthiopien Dienst getan hat

Die Entwicklung der Evangelischen Gemeinde Deutscher Sprache in Addis Abeba nach dem 2. Weltkrieg ist dank der Fügungen Gottes wirklich bemerkenswert. Aus einem kleinen Korn ist ein Baum geworden, der an seinen Zweigen reiche Früchte trägt. Als wir 1956 in Addis Abeba auf der Weiterreise nach West-Äthiopien zum ersten Mal den deutschsprachigen Gottesdienst besuchten, fanden wir in einem kleinen, angemieteten Lehmhaus eine Gruppe von etwa 12 Personen vor. Der deutsche Ingenieur Werner Thil leitete die Zusammenkunft, verlas eine Predigt und am Harmonium begleitete jemand den bescheidenen Gemeindegesang. Sakramentshandlungen wurden nur vorgenommen, wenn ein ordinierter Hermannsburger Missionar aus dem Inland in der Hauptstadt weilte. Der etwa 18 Quadratmeter große Raum an der Tenagnework Street gelegen, war für die Gottesdienste mit Holzbän­ken, einem Tisch mit Kreuz sowie einem Pult ausgestattet worden. Herr Thil, der um 1950 mit einem Regierungsvertrag nach Äthiopien gekommen war, hatte engagiert die im Kaiserreich lebenden Menschen deutscher Sprache – Deutsche, Schweizer und Österreicher – gesammelt, eine evangelische Gemeinde mit ca. 100 Gliedern gegründet und vertraglich mit der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Vereinigten Evangelischen Lutherischen Kirche Deutschlands verbunden. Das war der Neuanfang.

 Die erste deutschsprachige, evangelische Gemeinde in Addis Abeba hatten 1928 Hermannsburger Missionare gegründet. Sie fand leider durch den Krieg ihr Ende. Der jetzt angemietete Gemeinderaum nahe der Ras Makonnen Brücke war nicht unwürdig, aber die ganze Umgebung sowie Störungen durch Nachbarn während der Gottesdienste wirkten nicht sehr einladend. Bereits 1956 beschloss die Gemeinde daher, sich ein eigenes Gotteshaus zuzulegen, zumal für größere Veranstaltungen die Mekane-Yesus Kirche neben der Deutschen Schule oder die Anglikanische Kirche angemietet werden mussten. Ein Kirchbaufond mit 500,00 Äthiopischen $ als Grundstock wurde angelegt und um Spenden gebeten. – Das Jahr 1957 brachte dann einen tiefen Einschnitt: Familie Thil verließ Äthiopien und man hatte mich in die Hauptstadt versetzt, um die neue Hermannsburger Station aufzubauen, mit Behörden zu verhandeln, die Inlandstationen zu versorgen und in Zusammenarbeit mit den anderen lutherischen Missionen den Aufbau einer äthiopischen evangelischen Kirche zu unterstützen. Es gab viel zu tun. Da ich mich nicht nur mit Bauten, Sitzungen und Einkäufen beschäftigen wollte und der einzige deutsche Theologe in der Hauptstadt war, stimmte ich zu, als die Gemeinde mich im Herbst 1957 zu ihrem Pastor berief.

Der Autor mit seinem Dienstwagen

Wie baut man eine Gemeinde, wenn Zeit und Mittel sehr begrenzt sind? Wir versuchten es zunächst damit, die Sonntagsgottesdienste um 10.00 Uhr im Gemeinderaum weiter zu führen. Ermutigend war es nicht, wenn von den 100 eingeschriebenen Gliedern nur 4 oder 5 zum Gottesdienst kamen. Und die, die kamen, fragten dann noch, ob es nicht genüge, alle 14 Tage oder einmal im Monat einen Gottesdienst zu halten. Trotz der Mehrbelastung war ich dagegen, zunächst wegen fehlender Informationsmöglich­keiten, aber auch aus theologischen Gründen. Nach biblischem Zeugnis kommt der Glaube aus dem Hören der Botschaft, aber die muss verkündet werden. Wir hielten also jeden Sonntag Gottesdienst, auch wenn manchmal nur 5 Personen kamen, die Familie des Pfarrers eingeschlossen. Das Durchhalten zahlte sich aus. Die Zahl der Besucher stieg. Sie stieg so, dass der Platz im Gemeinderaum langsam knapp wurde.

Grundsteinlegung 1964
Pfarrer Launhardt, Wilhelmine Lübke, Dr. Heinrich Lübke (vlnr.)

Einen weiteren starken Impuls bekam die Gemeinde dadurch, dass meine Frau, die ausgebildete Religionspädagogin ist, und ich gebeten wurden, den evangelischen Religionsunterricht an der Deutschen Schule zu übernehmen. Die Deutsche Schule, an der King George Street gelegen, war eine Begegnungsschule und führte bis zum Abitur. Wir hatten 8-10 Wochenstunden zu unterrichten, wobei jeweils zwei Klassen zusammengelegt wurden, die sich dann in eine evangelische, katholische und orthodoxe Gruppe aufteilten. Probleme des Zusammenlebens oder der Disziplin gab es nicht. Uns gab der Religionsunterricht die Möglichkeit, die evangelischen Kinder und Jugendlichen kennen zu lernen, biblische Grundwahrheiten zu vermitteln, Krippenspiele einzuüben und auf den Konfirmandenunterricht, der außerhalb der Schule stattfand, vorzubereiten. Da wir in der Schule bekannt waren, durften wir ab 1961 unsere Gottesdienste ganz in einen Klassenraum verlegen. Es war zwar aufwendig, jeden Sonntag einen Klassenraum in einen Gottesdienstraum umzubauen, hatte aber den Vorteil, dass wir einen größeren Raum zur Verfügung hatten und gleichzeitig zum Gottesdienst in einem anderen Klassenzimmer Kindergottesdienst anbieten konnten, den meine Frau hielt. Das brachte Kinder und Eltern zur Gemeinde. Der Schulleitung der Deutschen Schule kann man für alles Entgegenkommen nur dankbar sein!

Die Verlegung der Gottesdienste von dem gemieteten Raum im Lehmhaus in die Räume der Deutschen Schule war ohne Frage eine Verbesserung, aber noch keine befriedigende Lösung. Für Gottesdienste zu Bestattungen, Konfirmationen, Trauungen, Weihnachtsfeiern und anderes mussten nach wie vor andere Kirchen gemietet werden. Die Frage nach einem eigenen Kirchengebäude blieb also akut. Bereits im Dezember 1958 hatte Dipl. Ing. Killing eine Planskizze für eine Kirche von 100 Quadratmetern vorgelegt und die Baukosten mit 30 000,- Äthiopischen $ (ca. 48 000,-DM) veranschlagt. Durch eine geheime, einstimmig ausgefallene Abstimmung war auf der Gemeindeversammlung 1958 der Kirchenvorstand autorisiert worden, das Kirchbauprojekt weiter zu betreiben. Aber es bewegte sich nichts.

Das Hauptproblem lag in der Erlangung eines BaugrundstücksAls ausländische Organisation konnten wir in Äthiopien kein Land kaufen. Wir hätten etwas pachten können, aber die Kirchenleitungen in Deutschland wie auch unsere Erfahrungen sprachen dagegen. Es gab nur eine Person, die eine Ausnahme machen und Land zur Verfügung stellen konnte, das war Kaiser Haile Selassie I. Aber wie bekommt man solch eine Bitte vor den Kaiser? Ich ging zum Palastminister und trug ihm unser Anliegen vor. Er sagte: „Die Deutschen haben Geld. Wenn ihr bezahlt, bringe ich eure Bitte zu seiner Majestät.“ Solches Geld hatten wir nicht, und damit war diese Tür verschlossen. Ich suchte den Botschafter der Bundesrepublik Deutschland auf und bat ihn, unsere Bitte um Kirchenland dem Kaiser vorzutragen. Er sagte, er würde es machen, wenn sich die Gelegenheit ergäbe. Trotz einiger Erinnerungen scheint sich die Gelegenheit nicht ergeben zu haben, denn es kam nichts. Ich ging zu Staatsrat David Hall, der in Äthiopien und bei Hof hohes Ansehen genoss. Hall erklärte, dass er in seinem hohen Alter das Staatsoberhaupt kaum mehr treffe und wenig für uns tun könne. Auch dem Patriarchen der Äthiopisch Orthodoxen Kirche stattete ich einen Besuch ab und trug ihm unser Problem vor. Er drückte sich zustimmend darüber aus, dass auch die Deutschen in Äthiopien pastorale Begleitung erhielten und wollte uns unterstützen. Unsere Bitte hat er dem Kaiser offenbar nicht vorgetragen. Uns blieb nichts anderes übrig, als zu beten und zu warten.

Wir hatten gehofft, durch mächtige und einflussreiche Personen das Ohr des äthiopischen Kaisers zu erreichen. Gottes Plan war anders. Eine Witwe, die früher Erzieherin am Hof gewesen war, zu unserer Gemeinde zählte und deren Mann ich zwei Jahren zuvor beerdigt hatte, brachte unsere Bitte zu Haile Selassie I . Bei einer Verabschiedung fragte er sie, ob er etwas für sie tun könne. Sie antwortete prompt: „Für mich persönlich nicht, aber unsere Evangelische Gemeinde braucht ein Grundstück um ein Gotteshaus zu bauen.“ Er fragte, wie groß und wie teuer die Kirche werden solle. Als eine Summe von 30.000,-Äthiopischen $ genannt wurde, meinte er, das sei nicht sehr groß, womit er, wie sich später herausstellte, Recht hatte. Nach weiteren Klärungen sagte er dann wörtlich: „Was ich der Kirche gebe, das gebe ichGott.“ und gab die Zusage für ein Grundstück von 2400 Quadratmetern. Das war 1961.

Ein wichtiges Zwischenziel war erreicht, aber es sollte noch drei Jahre dauern, bis wir die richtige Besitzurkunde in der Hand hatten. Zunächst musste die Zusage des Kaisers durch die zuständigen Ministerien zu Papier gebracht und durch Stempel und Unterschriften amtlich beglaubigt werden. Dann ging der Vorgang zur Stadtverwaltung von Addis Abeba mit dem Auftrag, uns Bauland zuzuweisen. Man zeigte uns verschiedene Grundstücke, aber da wir geäußert hatten, der Platz solle in der Nähe der Deutschen Schule sein, bekamen wir schließlich einen Bauplatz von 5000 Quadratmeter an der King George Street, direkt gegenüber der Deutschen Schule. Es hieß, es sei aus dem Privatbesitz des Kaisers. Wir waren voll zufrieden. Als ich dann jedoch auf der Deutschen Botschaft die Pläne für den Bau der Technischen Fakultät sah, stellte ich fest, dass „unser“ Land dort mit eingeplant war. Auf Rückfrage gab man uns zu verstehen, dass eine Technische Universität doch wichtiger sei als eine deutsche Kirche und deshalb den Vorrang habe. Also musste erneut mit der Stadtverwaltung verhandelt werden und man zeigte uns den Platz, auf dem die Kirche jetzt steht. Es war ein sumpfiges Gelände mit einer öffentlichen Toilette darauf und unklaren Grenzen. Wir nahmen es wegen der Nähe zur Deutschen Schule an und bemühten uns, eine offizielle Besitzurkunde zu bekommen. Als die Grenzen durch Tausch begradigt und der lange Weg durch die Ämter abgeschlossen war, wurde mir die Urkunde übergeben. Da stellte ich im amharischen Text fest, dass man als Besitzer die “Deutsche Mission“ eingetragen hatte. Die Hermannsburger Mission (GHM) war in Äthiopien eine anerkannte Größe und tat eine gute Arbeit, aber wir mussten weiter denken. Einem ausländischen Missionsunternehmen kann eine Regierung jederzeit die Arbeitserlaubnis entziehen oder sie des Landes verweisen, die pastorale Begleitung der eigenen Landsleute oder Konfessionsangehörigen darf nach internationalem Recht aber keiner Religionsgemeinschaft in einem anderen Land verwehrt werden. Also zurück und die ganze Prozedur mit Unterschriften und Stempeln noch einmal! Im August 1964 konnte ich schließlich die richtige Besitzurkunde dankbar in Empfang nehmen. Eine beglaubigte Kopie wurde umgehend in der Deutschen Botschaft deponiert und eine mit Kurierpost an das Außenamt der EKiD gesandt.

Der Kirchenvorstand und das Baukommittee, bestehend aus Lehrern, Ärzten, Botschafts­mitarbeitern, einem Apotheker, Pastoren und Ehefrauen hatten sich unterdessen viele Gedanken über den Kirchbau gemacht. Drei Architekten hatten zu verschiedenen Zeiten Planskizzen vorgelegt, die aber alle nicht die Zustimmung der Gruppe fanden. Es wurde argumentiert, die Grundform eines Hauses in Afrika sei rund und eine neugothische Kirche würde fremd wirken. Mir ging es darum, ein Gotteshaus zu bekommen, in dem 30 Leute sich nicht verloren vorkommen, das aber dennoch für Konzerte, Feiern und Beerdigungen Platz für 200 Personen bietet. Das bekannte „Bureau d’Etudes Henri Chomette“ wurde mit der Planung beauftragt und Herr von Seela legte einen Entwurf vor, der alle überzeugte.

Nachdem die Landfrage geklärt war, konnten wir an das Bauen und zunächst an die Grundsteinlegung denken. Durch die Presse war bekannt geworden, dass Bundespräsident Lübke im Oktober zum ersten Staatsbesuch nach dem Kriege nach Äthiopien käme. Auch sein Besuchsprogramm war veröffentlicht worden. Bei der Botschaft fragte ich an, ob der Bundespräsident nicht den Grundstein zu unserer Kirche legen könnte. Das wurde zunächst abgelehnt mit dem Hinweis, dass das Programm schon festgelegt sei. Ich gab nicht auf und argumentierte, dass ein Besuch der katholischen Arbeit in Bisidimo wohl vorgesehen sei, aber kein Besuch der evangelischen Arbeit in Aira. Dazu wäre es für den Bundespräsidenten doch ein guter Einstieg, wenn er dem Kaiser danken könnte für das, was er durch die Landschenkung für die Deutschen getan habe. Das leuchtete ein und man versprach zu verhandeln. Die Bonner Stellen stimmten zu und so wurde der 21.Oktober 1964 zur Grundsteinlegung durch Dr. Lübke vorgesehen.

Pünktlich um 10.30 Uhr erschien der Bundespräsident in Begleitung seiner Ehefrau, des Außenministers Scheel und anderer Würdenträger auf dem Kirchenplatz. Auch Vertreter der Äthiopisch- und der Griechisch-Orthodoxen Kirche, der Mekane Yesus Kirche, der Anglikanischen Kirche und anderer kirchlicher Gruppen waren gekommen. Nach einer Begrüßungsansprache des Pastors sprach der Bundespräsident über das biblische Wort: „Einer trage des andern Last“ (2. Kor 11, 29), versenkte die Bleikapsel im Grundsteinsockel,griff dann selbst zur Maurerkelle und vollzog mit drei Hammerschlägen die Grundsteinlegung. Der gesungene Choral „Lobe den Herrn“ drückte aus, was alle an diesem Tag empfanden, nämlich Dank und Freude. Der Kirchbaufond freute sich auch über den Staatsbesuch. Der Bundespräsident gab uns einen Scheck über 5000,- DM und Bundeskanzler Erhard ließ weitere 5000,- folgen.

Kreuzkirche etwa 1968

Die kleine Gemeinde hatte seit 1956 durch Spenden und Zinsen etwa 18000,-Äthiopische $ für den Kirchbau aufgebracht. 1962 waren von der EKiD 27000,- Äthiopische $ überwiesen worden und die stellte nun weitere 10 000,-DM in Aussicht. Der Bau konnte beginnen. Das Bureau d’Etudes Henri Chomette, das mit der Planung und Bauaufsicht beauftragt worden war, machte eine Ausschreibung und erhielt fünf versiegelte Angebote. In Gegenwart von fünf Mitgliedern des Kirchenvorstands wurden diese am 30.Oktober 1964 geöffnet und einstimmig beschlossen, der Firma Amara & Boscarino den Zuschlag zu geben. Gern hätten wir dem Bauunternehmer, der Glied der Gemeinde war, den Auftrag erteilt, aber mit seinem Preis und der benötigten Bauzeit lag er weit über den anderen Angeboten. Die Fa. Amara & Boscarino wollte in 165 Tagen den Bau für 67.873,14 Äthiopische $ erstellen. Alle Zahlen wurden noch einmal genau überprüft und im Januar 1965 unterzeichneten wir in Gegenwart des Architekten den Bauvertrag. Es konnte mit dem Kirchbau losgehen. Eine Audienz beim Kaiser mit Kirchenpräsident Wischmann am 14.1.1965 nutzten wir neben einem Dank dazu, zusätzliches Land für ein Pfarrhaus zu erbitten.

Dann gab es wieder eine personelle Veränderung. Die Gremien der Mission hatten beschlossen, Pastor Johannes Launhardt mit der Leitung der äthiopischen Schule und der Onesimus Nesib Bibelschule in Aira/Westäthiopien zu beauftragen. Zwei vakante Stellen waren zu besetzen. Nur schweren Herzens zogen wir, gerade zur 5-köpfigen Familie angewachsen, nach Aira. Für die Weiterführung der Gemeindearbeit in Addis Abeba wurde noch gesorgt: P. Graffam von Radio „Voice of the Gospel“ übernahm den Vorsitz im Kirchenvorstand, Dr. Ende die Verantwortung für den Gottesdienst und  Kindergottes­dienst, Frau Becker für den Religionsunterricht an der Deutschen Schule, Stdr. Dingkuhn den Vorsitz im Baukommittee, Apotheker Hildebrandt die finanziellen und organisatorischen Geschäfte und der Sprachschüler P. Reibe den Konfirmandenunterricht. Für seelsorgerliche Anliegen konnten die Pastoren Glüer, Fick, Graffam und Wesenick angesprochen werden, die unterdessen in der Stadt in anderen kirchlichen Institutionen arbeiteten. Mit vereinten Kräften ging es also weiter.

Beim Bau der Kirche tauchten jedoch immer wieder neue Probleme auf. Der Termin der Einweihung wurde vom Oktober auf den Dezember 1965 verschoben. Das reichte nicht und so plante man die Einweihung für März 1966, dann für Mai und hoffte, die Konfirmation in der neuen Kirche feiern zu können. Es stellten sich jedoch große akustische Probleme heraus, die es zu lösen galt. Im Juni 1966 war es endlich so weit. Am Vorabend der Einweihung wurde P. Graffam durch Oberkirchenrat Klapper (VELKD) als erster hauptamtlicher Pastor der Gemeinde eingeführt. Ein wichtiger Schritt, wodurch dann, als ein Pfarrhaus gebaut war, auch eine intensive Sozialarbeit begonnen werden konnte. Der 26.Juni 1966 war der Tag der Kirchweihe. Vertreter der VELKD, der EKD sowie der Hermannsburger Mission und andere Gäste waren angereist. Zu Beginn des feierlichen Gottesdienstes wurden die Geräte in die Kirche getragen und geweiht, sowie der Altar, die Kanzel und das Gebäude. Ein Kinderchor sang, Missionsinspektor P. Albrecht hielt die Festpredigt und der Gemeindechor brachte eine Buxtehude-Kantate zu Gehör. Mich hatte man aus Westäthiopien eingeladen und für den Nachmittag um einen Vortrag über die Geschichte der Gemeinde gebeten. Für uns alle war der 26.6.66 ein bewegender Tag. Aus einer kleinen Pflanze war dank der Güte Gottes ein Baum geworden, auf dem in den kommenden Jahren noch viele gute Früchte wachsen sollten. Viele Menschen hatten sich als lebendige Steine eingebracht und so Kirche gebaut.

Gott erhalte, schütze und segne diese Gemeinde!

Dr. Johannes Launhardt

Ein Achtundsechziger in Äthiopien

Erinnerungen des Dompredigers i.R. Hempel an sein Vikariat in Addis Abeba 1973-1974

Im Interview mit Paul-Josef Raue

Hatten denn die Deutschen in Addis auf einen Achtundsechziger aus Braunschweig gewartet?

Nun ja, ich hatte ja nun das Studium mit dem Examen abgeschlossen, und es begann der Weg in den Beruf — also eher die übliche Entwicklung. Aber was für eine andere Welt für den gerade examinierten Theologiestudenten: Da stand ich vor Botschaftern und offiziellen Repräsentanten deutscher Institutionen, vor gestandenen Missionaren der Hermannsburger Mission, Studienräten der Deutschen Schule und anderen — mit Cordhose, Bart und kariertem Hemd.

Die Zuhörer meiner Predigten waren klassisch akademisch gebildete Leute: Die Lehrer der deutschen Schule, Botschaftsangehörige, Mitarbeiter von UNICEF, und sie alle „stürzten“ sich auf diesen jungen deutschen Vikar. Ich fühlte mich noch als Student — und war von heute auf morgen in eine völlig andere Gesellschaft katapultiert worden. Das machte schon Atemnot, wahrscheinlich auf beiden Seiten.

Ich hatte auch keine liturgische Kleidung, nur ein äthiopisches Kreuz, das ich vom Dekan der Trinity-Cathedral geschenkt bekam, und meinen schwarzen Talar. Meine Frau Gisela bekam eine Arbeit in einem internationalen Kindergarten. So bekamen wir über die Deutsche Gemeinschaft hinaus auch internationale Kontakte. Das war gut.

Was mussten Sie tun? Nur predigen und über das äthiopische Hochland fahren und Reifen wechseln?

Ich bin von heute auf morgen Lehrer an der Deutschen Schule geworden, 7. bis 9. Klasse und Abiturklasse. Ich habe Religionsunterricht in der 13. Klasse gegeben und Abiturprüfungen abgenommen. Gestern war ich noch Student, plötzlich war ich Lehrer. Die Schule war heilfroh, dass sie einen hatten, der Religionsunterricht geben konnte. Der Schuldirektor sagte: „So eine richtige Lehrbefugnis haben Sie eigentlich noch nicht. Ich komm dann mal in den Unterricht und gucke, wie Sie das so machen.“ Der war nach seinem Besuch ganz begeistert von mir.

Und dann?

Kindergottesdienst, Konfirmandenunterricht, das ganze Programm eben. Das einzige, was es nicht gab, waren Trauungen und Beerdigungen, die sogenannten Amtshandlungen. Die habe ich in Afrika nicht so richtig gelernt, die musste ich nachher in Braunschweig nachtrainieren. Mein Ausbildungsreferent nannte das: Braunschweiger Kolorit üben.

Ich hatte auch die Deutschen zu betreuen, die im Land unterwegs waren: Hermannsburger Missionsstationen, Christoffel-Blindenmission — auch das Bau-Camp eines deutschen Straßenbauunternehmens, das eine neue Verbindungsstraße zur Hafenstadt Assab am Roten Meer baute. Da waren wir eingeladen, am Heiligabend zu predigen. Also fuhren wir fünfhundert Kilometer von Addis entfernt; eine Asphaltstraße dorthin gab es nur teilweise. Auch musste ein Mietwagen her, denn mit meinem Triumph wäre der Triumph auf der Straße ausgeblieben. Es waren unsere ersten Erfahrungen mit unterschiedlichen Klimazonen zwischen Bergland, Addis Abeba liegt 2.400 m hoch, und Wüste mit Staub und eigener Fahrweisendynamik! Der schwarze Talar sah später gräulich aus.

Das Baulager war eine richtige kleine Stadt mit Bungalows, in der die Familien wohnten, und einer Schule. Heiligabend war tolles Wetter, die Sonne schien, 25 Grad. Die Arbeiter hatten am Swimmingpool einen Gottesdienstplatz hergerichtet, die Kanzel bestand aus drei aufeinandergestapelten Apfelsinenkisten, ein schönes Tuch drum herum, ein paar Blumen drauf — und vor mir saß die Gemeinde, die guckten zu mir und auf das Wasser im Pool. Wir haben „O du fröhliche“ gesungen und „Stille Nacht, heilige Nacht“ — auf „Leises Schneerieseln“ haben wir aber verzichtet.

Ich hatte den schwarzen tropentauglichen Talar angezogen, darunter war es eher luftig; den Talar habe ich immer noch — er hat wahrlich gute Dienste geleistet. Nach dem Gottesdienst sind alle in den Swimmingpool gesprungen, denn das Klima war feucht-warm. Abends saßen wir mit Freunden und Gastgebern in einem Wohncontainer, der uns als Gästehaus angeboten war; eine Freundin von uns, die in der Hermannsburger Mission im Kindergarten arbeitete, hatte eine Flasche Martini mitgebracht — und den haben wir aus Kaffeetassen getrunken. Es war ein schöner Heiligabend.

Was haben Sie den Bauarbeitern gepredigt, an einem heißen Weihnachtstag in der äthiopischen Savanne, fernab von der Heimat? Kamen Schnee und Tannenbaum vor?

„Weihnachten ist nicht wetterabhängig“, so fing ich an. Natürlich waren alle mit ihren Gedanken im Harz oder im Schwarzwald, eben in ihrer Heimat. Kein „Kling, Glöckchen, kling“, predigte ich, „aber wir wissen es besser: Weihnachten findet auch statt, wenn das übliche Ambiente nicht da ist.“ Ich habe die Leute daran erinnert, dass Weihnachten eigentlich aus solchen Verhältnissen wie in Äthiopien kommt. In Bethlehem ist es bergig, das haben wir in Äthiopien auch; ich habe einmal sogar Schnee gehabt in Addis.

Wie bekommst du geografisch existentielle Situationen zusammen mit biblischen Texten? Diese Frage hat mich lange beschäftigt. Viele der orientalischen Bilder, die es in der Bibel gibt, sind in Äthiopien oder Arabien leichter verstehbar als bei uns in Deutschland. Dort muss ich nicht erklären, was eine Oase ist. Dort muss ich nicht erklären: Der Herr ist mein Hirte. Wo Hirten und Herden zum täglichen Straßenbild gehören, da sind biblische Bilder unmittelbar vor Augen. Du brauchst nur einen, der darauf hinweist, zeigt, dolmetscht, Zusammenhänge herstellt. Daran hatte ich immer Freude!

Für uns in Deutschland ist diese orientalische Bilderwelt eine fremde. Für uns ist sie kompliziert; deswegen haben sich auch Generationen von Predigern geflüchtet in philosophische und pseudo-philosophische Gedankenwelten. Zu meiner Studienzeit jedenfalls stand das Johannes-Evangelium ganz hoch im Kurs wegen seiner wunderschönen philosophischen Sätze wie „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort.“ Die Zuhörer in den Kirchen staunten, weil sie nicht verstanden haben, was der Pastor ihnen sagen wollte, es war zu abstrakt.

Da ist wieder die hermeneutische Frage: Luther schaute dem Volk aufs Maul, aber er redete ihnen nicht nach dem Mund. Diese Einsicht ist ein wichtiger Teil meines beruflichen Weges geworden; dabei kann ich auch theologisch abstrahierend sprechen, das habe ich nachgewiesen mit zwei Staatsexamina.

In Äthiopien kamen Sie nicht gerade in ein Musterland: Ein Kaiserreich seit Jahrhunderten, eines der ärmsten Länder der Welt. Sind Sie ein Bewunderer der Monarchie geworden?

Ich bin Kaiser Haile Selassie auf jeden Fall sehr nahe gekommen, wörtlich verstanden. Schon recht früh bin ich dem Dekan der Dreifaltigkeits-Kathedrale in Addis begegnet, die der Kaiser erst 1941 nach der Rückkehr aus dem Exil eingeweiht hatte. Der Dekan war auch der Beichtvater des Kaisers. Ich bin nun wirklich kein Bewunderer von Monarchen, mir fallen irdische Bewunderungen überhaupt schwer: Mich interessieren Menschen, die etwas zum Guten verändern wollen. Dieser Dekan, noch nicht einmal 50 Jahre alt, kam aus Äthiopien und engagierte sich in Genf im „Ökumenischen Rat der Kirchen“ und war an Reformen in seiner orthodoxen Kirche interessiert.

Der sah nun diesen jungen Vikar, der frisch von der Uni kam. Er mochte meine Frau und mich, nahm uns wie zwei Kinder links und rechts an seine Hand und zeigte uns ein Kloster, für das er zuständig war und in dem er gemäß dem alten Wort „Ora et labora — bete und arbeite“ die Nonnen mit Gartenbau und Handwerk zu neuem Engagement angeregt hatte. Der Dekan wollte neben Wort und Lobgesang auch praktische Arbeit, er wollte Reformen umsetzen, um seine Kirche aus liturgischer Stagnation zu befreien. Er diskutierte mit mir über Martin Luther und den Zusammenhang von theologischer Erkenntnis und praktischem Kirche sein.

Joachim Hempel

Kreuzkirche: Skizze der Innenraumausstattung von 1965

Ausführendes Architekturbüro Henri Chomette (1921 – 1995)

Skizze der Innenraumausstattung der Kreuzkirche von 1965

Ausführendes Architekturbüro Henri Chomette (1921 – 1995)

Weitere Arbeiten von Henri Chomette sind unter anderen:

  • Commercial Bank of Ethiopia, Addis Abeba, Äthiopien, im Jahr 1953.
  • Zweite Abidjan-Brücke in Abidjan, Elfenbeinküste , im Jahr 1964.
  • Botschaft von Frankreich in Ouagadougou, Burkina Faso, 1966.
  • Auditorium in Dakar, Senegal.
  • Konferenzzentrum in Dakar, Senegal, 1979.
  • Lutherische Schule, Dakar, Senegal, 1979.
  • SOS-Kinderdorf , Dakar, Senegal, 1979.

Ein sehr langer Anlauf

Ein langer Weg bis zum ersten Gottesdienst in der Kreuzkirche.

Rumpelnd fuhr das Fahrwerk der DC 3 des Luft-Mulis der Äthiopien Air Line aus. Aus Nairobi kommend hatten wir gerade die Äthiopische Seen-Platte mit den eng zusammen liegenden Seen, Lake Abaya, Awasasee, Lake Shalla und Langano See, Horra Abyiata und Zeway See überflogen. Besonders die vier eng zusammen liegenden Seen leuchteten im späten Nachmittagslicht in drei Farben zu mir hinauf. Lake Shalla tief Blau, der Langanosee gegenüber rötlich Braun, der Horra Abyata wieder in tiefem Blau, auf einer Seite rosa schimmernd, (wie ich später heraus fand, lag das an 10.000den Flamingos) und der Zeway See grau-grün mit weißen Schaumkronen der Wellen. Dann lagen die 5 Kraterseen um den Ort Bishoftou (Debre Sait) unter uns. An dem größten, dem Bishoftou-See, war der weiße Hotelkomplex des Ras Hotels zusehen. Im Trichter des Zuqualla Vulkans lag wie eine Perle in der Muschel, der Kratersee mit seinem kleinen Kloster. Später haben wir auf manch einer Safari dieses alles erforschen können.

Im Sinkflug überflogen wir noch einige kleine Dörfer, drehten eine Kurve vor dem Hausberg Entotto in dem Addis Ababa, damals 750.000 Einwohner groß, eingebettet liegt, landeten dann auf einer großen Wiese, an deren Ende eine größere Holzbaracke und ein mit Antennen bestückter Holzturm stand. Parallel zu uns zog sich ein breiter Zementstreifen hin. Wie ich später erfuhr, war es die Rollbahn für die größere, viermotorige DC 6, Maschinen die Äthiopien Air Line für den Internationalen Flugverkehr einsetzte. Sollte dieses der Flugplatz der Hauptstadt Äthiopiens sein? Ich frug den neben mir sitzenden, im typischen Safary Look angezogenen Engländer: „Tell me, is this Addis Ababa Air Port?“ Der Brite meinte nur: “This lousy shit over there is Addis Airport Building.” Naja, ich war an meinem Bestimmungsort angekommen.

Mir fiel sofort auf, dass eine große Menge schwer bewaffnetes Militär in und um dem Flugplatzgebäude herum stand. Da erinnerte ich mich, dass es vor kurzem ein „Coup d´état“ in Äthiopien gegeben hatte. Der Kaiser war auf Einladung des brasilianischen Präsidenten zur Eröffnung der brasilianischen Hauptstadt „Brasilia“ in Brasilien gewesen, als in Addis seine Body Guard putschte. Er kam sofort zurück und schlug mit Heer und Luftwaffe, die loyal zu ihm hielten, den Putsch nieder. Es würde zu weit gehen hier Einzelheiten zu bringen.

Ich hatte mein Ziel erreicht, nachdem ich als Kaffee-Landwirt-Kaufmann-Schmecker und Spezialist, einige Wochen in Kenia verbracht hatte. Dort hatte ich für meine Firma in Hamburg einige Tausend Sack Kaffee auf der Auktion ausgesucht, verkostet und gekauft. Die Abwicklung des Exports übernahm dann eine einheimische Export Firma.

12.2.1928 Evangelischer Gottesdienst in deutscher Sprache zur Einweihung des Missionshauses in Addis Abeba 

Meine Aufgabe in Äthiopien war es auf Wunsch des Kaisers Haile Selassies, den Kaffee im Mutterland des „Kaffee Arabica“ so zu verbessern, dass er nach Deutschland exportiert werden konnte. Mein damaliger Chef, der auf Einladung des Kaisers einige Wochen im Lande war, hatte  verschiedene Kaffeeprovinzen bereist und festgestellt, dass der Kaffee im Lande einmalig gut war, die Kaffeekirschen aber total falsch geerntet und behandelt wurden, sodass der Rohkaffee für sehr wenig Geld hauptsächlich nur an die USA verkauft wurde. Äthiopien, ein Land, das hauptsächlich vom Export landwirtschaftlicher Güter abhängig war, Erze und Öl gab es im Lande nicht, erzielte hauptsächlich mit dem Verkauf von Kaffee die so dringend benötigten Devisen.

Ich sollte dieses ändern. Ich wusste, dass dieses eine schwere Aufgabe war. Aber, dass ich fast 30 Jahre im „Lande des Löwen von Judah“, ab 1974 nach der schleichenden, grausamen Revolution in einem Marxistische-Leninistischen, kommunistischen Land bleiben würde, das hätte ich mir niemals vorgestellt.

9.11.1928 Erster Schultag der Schule der Evangelisch-Lutherischen Christuskirche in Addis Abeba

Den äthiopischen „Wild-Kaffee“ für Deutschland hoffähig zu machen war meine Aufgabe. Ja, ich brauchte 30 Jahre. Heute ist Deutschland der größte Abnehmer des feinen, würzigen, hauptsächlich noch wild wachsenden Bio – Kaffees. Der Verkauf bringt dem Staat hohe Devisen und den einzelnen Bauern und Kooperativen einen geregelten, guten Ertrag. Kaum eine Entwickelungshilfe kann, auch unter Einsatz vieler Millionen, die ich nicht zur Verfügung hatte, auf so eine Erfolgsstory zurück schauen.

Für mich, als evangelischer Christ erzogen, war es eine Selbstverständlichkeit, nachdem ich mir eine Bleibe gesucht und andere Deutsche kennen gelernt hatte, auch mich nach Gottesdiensten und Zusammenkünften unserer Kirche zu erkundigten.

Bei meinem täglichen Mittagessen in dem sogenannten „Deutschen Restaurant“, das von der Frau eines Deutschen Arztes des Haile Selassie Hospitales, Frau Emanuel, geführt wurde, lernte ich sehr schnell Landsleute kennen, die schon längere Zeit in Addis Ababa lebten. So erfuhr ich, dass es eine „DEUTSCHSPRACHIGE GEMEINDE EVANGELISCHER CHRISTEN“ in Addis Ababa gebe. Gottesdienste gäbe es sonntags in der Deutschen Schule. Ich solle doch mal in die Lions Pharmacy auf der Churchill Road gehen und mit Herrn Hildebrandt, dem Apotheker, sprechen, der Vorsitzender des Kirchenvorstandes sei. Also besuchte ich Herrn Hildebrand, der mir sagte, dass Gottesdienste in der Deutschen Schule nahe dem Sidist-Kilo-Platz stattfänden.

Ich besuchte mit meinem Freund Albrecht Branding, mit dem ich zusammen eine Wohnung teilte, diesen Gottesdienst. So lernte ich Pastor Launhardt, Missionar der Herrmannsburger Mission für Äthiopien, kennen. Pastor Launhardt entnahm seiner Aktentasche Kreuz, Bibel und Gesangbücher und leitete mit einem schönen, bekannten Kirchenlied den Gottesdienst ein. Ich musste dabei an meine Mutter denken, die in Südafrika geboren wurde und über Gottesdienste des Pfarrers in Cape Town sprach, der mit seinem Klappaltar in das Konsulat ihres Vaters kam und dort für Deutsche Evangelische Christen den Gottesdienst hielt. Pastor Launhardt hielt eine sehr gute Predigt, die mich dem Lande, in dem ich nun lebte, näher brachte.

Ich war damals 1961 noch „Single“, verlobte mich aber im Januar 1962 mit Oda von Doering, als ich mit dem Oma –Bomber, einem Charter Flug nach Deutschland flog, um in Hamburg eine Kaffeefirma für Äthiopien zu gründen.

Meine Verlobte reiste per Schiff im Juli 1962 zusammen mit meiner Schwester nach Äthiopien. Pfarrer Launhardt traute uns in Anwesenheit vieler Gemeindeglieder in der anglikanischen Basilika in Addis, nachdem wir standesamtlich auf unserem herrlichen Botschaftsgelände von Dr. Dietrich, dem ersten Sekretär, amtlich geheiratet hatten.

Einladung zur Weihnachtsfeier 1955

Ich war nun viel im Kaffeeland von Kaffa und Sidamo und anderen Kaffeegebieten unterwegs, um den Kleinbauern beizubringen, wie sie den Kaffee zu ernten und aufzubereiten hatten. Manchmal war ich in der Chakka mit einer Maultier Karawane beladen mit Kaffeemaschinen wochenlang unterwegs und konnte meine Frau nur über Postläufer Nachrichten zukommen lassen.

In Addis hielt ich enge Verbindung zu Pastor Launhardt, von dem ich erfuhr, dass er sich sehr bei Kaiser Haile Selassie um ein Grundstück für unsere Kirche bemühte. Ich war ja hauptsächlich auch für das Kaiserhaus, im Besonderen für Ras Anderkatchew Messai, der damals meinen Chef Herrn Christen eingeladen hatte, nach Äthiopien gekommen. So lernte ich auch seine Frau, Prinzessin Tanange Work kennen, die eine Kaffeeplantage im Wondo Valley bei Shashamane besaß. Sie bat mich den italienischen Verwalter zu beraten um die Plantage rentabel zu gestalten. So hatte ich die Gelegenheit, sie häufiger zu sehen. Von Pastor Launhardt wusste ich um die Bitte an den Kaiser für ein Stück Land für ein Kirchengrundstück für unsere Evangelische Gemeinde. Bei den Treffen mit Prinzessin Tange Work konnte ich diesen Wunsch unserer Gemeinde an ihren Vater mit einbringen, in der Hoffnung, dass sie die Bitte um ein Stück Land für unsere Gemeinde an ihn weiter gebe. Sie tat es und ich hoffte, dass es dazu beitrug, dass Pastor Launhardt schließlich am 23. März 1962 dem Kirchenvorstand in Anwesenheit von Missionsdirektor Wesenik mitteilen konnte, dass der Kaiser bereit war, ein Grundstück zu geben. Die Kaiserlichen Beamten schoben aber alles auf die lange Bank. Es begann eine Feilscherei um den Ort des Grundstücks. Es wurden fünf verschiedene Grundstücke in der Größe von etwa 3000 m² genannt. (Ich erlebte diese Feilscherei um ein Grundstück wieder als Stellvertretender Vorsitzender des Vorstandes der Deutschen Botschaftsschule nach der Enteignung unserer Schule 1980) Als Verzögerung kam noch der Tod der Kaiserin Iteke Mennen mit einer langen Trauerzeit hinzu. Von deutscher, kirchlicher Seite war auch viel im Umbruch. Die Deutschsprachige Gemeinde Evangelischer Christen hatte damals ein Vertragsverhältnis zur VELKD. Die finanziellen Beihilfen kamen aber von der EKiD, das heißt dem Evangelischen Außenamt, das heute, in Hannover gelegen, noch für uns zuständig ist.

Meine Frau und ich traten zu diesem Zeitpunkt, am 1. August 1962, der Gemeinde bei. Seit diesem Zeitpunkt sind wir mit der Gemeinde nun 54 Jahre eng verbunden.

Es vergingen noch 2 Jahre, in denen immer wieder nachgehakt werden musste, um den Vertrag mit der Stadt abzuschließen. In der Kirchenvorstandssitzung vom 1.Mai 1963 im Haus von Dr. Ende, konnte Kess Johannes Launhardt dem Vorstand, auch in Anwesenheit von Architekt Pascher als Gast, bekannt geben, dass das Ministry of Pen die Stadtverwaltung Addis Ababa angewiesen hat, ein Grundstück in der Größe von etwa 3.000 m² an die Kirche zu geben. Dieses Schreiben ist als Schenkungsurkunde anzusehen und befindet sich in Händen der Gemeinde. Seitens der Gemeinde wurden bereits die Baupläne eingereicht.

Bei einer Kirchen­vor­stands­sitzung im August 1964 konnte Pastor Launhardt grünes Licht geben. Der „Title Deed“, die Besitzurkunde des Kirchengrundstücks, lag vor. Eine Kopie dieser Urkunde sollte auf der Deutschen Botschaft und bei der EKiD in Frankfurt/Main hin­ter­legt werden. Auch die Baugenehmigung der Stadtverwaltung von Addis Ababa lag vor. Der Architekt Pascher, Herr Dinghuhn, Kunstlehrer an der Deutschen Schule, und Herr von Sela vom Architekten Büro Chomette hatten seit langem zusammen mit dem KV über Form und Größe der Kirche konferiert. Ein detaillierter Bauplan lag vor. Von Anfang an stand fest, dass es nach dem Entwurf von Herrn Dinkhuhn ein Rundbau werden sollte, der einem äthiopischen „Tukul“ – einer Rundhütte – nach­em­pfun­den sein sollte.

Erster Entwurf einer Kirche für die deutsche Gemeinschaft von 1956

Die Grundsteinlegung der Kirche fand am 21. Oktober 1964 im Beisein des Bundespräsidenten Heinrich Lübke mit vielen Gemeindemitgliedern und Gästen unter dem blauen, von der großen Regenzeit rein gewaschenen Himmel Äthiopiens statt. Als Startkapital hatte Präsident Lübke je einen Scheck von DM 5.000,- von sich und Bundeskanzler Ludwig Ehrhard im Gepäck.

Der Bau der Kirche verlief wie geplant. Es tauchten natürlich noch viele Schwierigkeiten auf, wie z. B. dass die Grenze des Grundstücks genau durch die einzige öffentlich Toilette der Stadt führte, die dort für das große Tauf-Timkat Fest, an dem viele tausend Orthodoxe Christen in einer farbigen Zeremonie teilnehmen, gebaut worden war. Die Grenze musste umgelegt werden. Es kam hinzu, das die Legung des Fundamentes Schwierigkeiten machte, da das Grundstück am Rande der „Jan Heu Meda“, der Kaiserlichen Wiese, leicht moorig war. Last but not least stand unsere Kirche stolz gegenüber des Griechischen Patronats. Auf der Rückseite grenzte das Grundstück an ein sehr ärmliches, slumähnliches Wohn­viertel. Hier sah man schon die erste Arbeit, die auf unsere Gemeinde zukommen würde.

Die Gemeinde hatte nun eine neue Dimension bekommen. Das Geschenk des Kaisers, die ca. 3.000 m² Bauland, waren verbunden mit der Zusage des Kirchlichen Außenamtes, die Finanzierung des Kirchenbaues und die Übernahme der Sendung und des Gehaltes eines hauptamtlichen Pastors zu übernehmen.

1966 schloss der Radiosender „Voice of The Gospel“, der von einem evangelischen Pastor amerikanischer Herkunft geleitet wurde und von Addis Abeba aus sendete. Der Kirchenvorstand ver­pflich­tete mit Einver­ständ­nis des Kirchlichen Außenamtes der EKD Pastor William L. Graffam am 12.12.1966 als Pastor für unsere Gemeinde. Pastor Graffam hatte in Deutschland studiert, war mit einer deutschen Frau verheiratet und war mit ihr mit sieben Kindern gesegnet.

Damals, nun in Addis beheimatet, wurde ich in den neuen Kirchenvorstand gewählt. Unsere neu etablierte Gemeinde erhielt am 5. Juni 1968 eine neue Gemeindeordnung und wurde in die EVANGELISCHE GEMEINDE DEUTSCHER SPRACHE IN ÄTHIOPIEN umbenannt. Im Kirchenvorstand wurde ich als Laienvorsitzender berufen. Dieses Amt übte ich bis zum Verlassen des Landes 1989 aus.

Auf Pastor Graffam und den Kirchenvorstand kam eine Riesenarbeit zu.

Mit großer Hilfe von Präsident D. Adolf Wischmann vom Kirchenamt der EKD (Evangelische Kirche in Deutschland), der uns häufiger besuchte, wurde auf dem Kirchengrundstück ein Pfarrhaus gebaut, dass für die große Familie der Graffams zugeschnitten war.

Uns alle berührte es, wenn wir in feinen Sonntagskleidern motorisiert zum Gottesdienst kamen, und dann auf die wenige Meter entfernten armen, im Schmutz lebenden Dörfler schauten. Wir mussten versuchen hier zu allererst zu helfen. Gesagt, getan. Es wurden Kleider gesammelt, besonders für die vielen Kinder. Tombolas und Second-Hand-Märkte wurden veranstaltet. Deutsche Firmen wurden zur Kasse gebeten, etc. etc., um Geld zu sammeln.

Die Gemeinde hatte sich sehr vergrößert. Als allererstes musste nun etwas für das an unser Compound grenzende Slumgebiet getan werden. Die Habeshas wohnten dort besonders in der großen Regenzeit unter unvorstellbaren Verhältnissen. Das Wasser, durchsetzt von Fäkalien, stand manchmal auf den unbefestigten, engen Gassen so hoch, dass es in die wenig geschützten Hütten lief. Es war immer wieder erstaunlich zu sehen, wie es möglich war, dass die Bewohner mit schneeweißen Schamas und Gabis diese Shats verließen. Unsere erste Aufgabe war hier sofort zu helfen. Unsere Gemeinde sammelte an allen Ecken und Kanten Gelder um eine Kanalisation zu bauen. Vor der nächsten großen Regenzeit hatten wir mit Hilfe der Dörfler in Eigenarbeit das Dorf trocken gelegt.

Nach dem Pfarrhausbau errichteten wir eine der ersten Fertighausbauten in Äthiopien, der Firma ECAFCO, als Gemeinderaum. Hier traf sich die Gemeinde bei einer Tasse Kaffee, (Deputat, grüner Kaffee an die Gemeinde von mir) nach der Kirche. Auch wurden hier die meisten Vorstandssitzungen abgehalten. Der vielen Armen im benachbarten Dorf Rechnung tragend, die keine medizinische Versorgung hatten, richteten wir ein Medical Center ein, das von einer Krankenschwester ehrenamtlich geführt wurde.

Eine der ersten und nötigsten Anschaffungen war die eines Duschhauses. Die große Krankenquote der kleinen Schulkinder war erschreckend. Meine Johanniter Kommende, der Provinz-Sächsischen Johanniter, bei denen ich bei einem Besuch in Deutschland einen Vortrag auf dem Rittertag hielt, sammelte für uns einen höheren Betrag, mit dem wir das Duschhaus und auch das Lehrer-Fort­bildung-Haus auf un­serem Grundstück bauen konnten.

Skizze der Kirche von Süden

Pfarrer Bill Graffam und seine Frau hatten einen riesigen Job übernommen. Die Dorfältesten baten ihn, Kinder des Dorfes, deren Eltern so arm waren, dass sie die $ 2,- für die Äthiopische Schule nicht zahlen konnten, zu unterrichten. Um auch hier zu helfen, pachteten wir das Nachbargrundstück, er­rich­teten Tukuls in denen Frauen von Ge­meinde­gliedern Kinder der Ärmsten der Armen unterrichteten. Na­tür­lich konnten sie keinen Amharisch-Unterricht ge­ben. Wir beschlossen im KV einen äthiopischen Lehrer anzustellen.

Während des über 20 Jahre andauernden Krieges gegen Tigre und Eritrea und der ersten großen Hungersnot erreichten über geheime Pfade, die Hauptstraßen nach Addis Abeba waren abgesperrt, viele tausend Flüchtlinge aus dem Norden die Stadt. Sie schliefen unter den Sitzreihen des neu erbauten, aber von außen nicht zugebauten Stadions. Sie zogen mit ihren Kindern bettelnd durch die Stadt. Wir wussten über unsere Dörfler, dass viele Flüchtlinge in Höhlen und aufgegebenen Hausruinen am Entoto lebten. Wir versuchten zu helfen, indem besonders unsere Frauen zu diesen Unterkünften fuhren um Hilfe zu bringen und auch Kinder mit in die Kirchenschule zu integrieren.

 Skizze der Kirche von oben

Das größte Problem war die Finanzie­rung. Die­ses führte zur Grün­dung der Sozial­station und der Idee, diese und deren Arbeit über Patenschaften zu finanzieren. Wie wir heute nach 50 Jahren sehen können, war dieses der richtige Weg, der zur heutigen Kir­chen­schule führ­te, die aner­kannt und nach äthiopi­schem Lehr­plan über 1000 Schüler unterrich­tete.

Mit den Jahren wuchs und wuchs die Schule. Im Jahre 1974, im Jahre der ersten großen Hungerkatastrophe, nach Absetzung und Ermordung des Kaisers, hatten wir große Schwierigkeiten unser Sozialwerk weiter zu führen. Während der schleichenden Revolution wurde das Blindenwerk des Kaisers aufgelöst und viele blinde Menschen irrten bettelnd durch die Straßen von Addis Ababa.

Die Evangelische Gemeinde Deutscher Sprache, der KV, entschied sich hier Hilfe zu leisten. Wir pachteten ein weiteres Grundstück dazu, bauten weitere Tukuls auf, schafften aus England Second-Hand-Webstühle an und unterrichteten blinde Äthiopier mit einer Fachkraft im Teppichweben und -knüpfen. Diese Teppiche wurden von uns verkauft und sogar ins Ausland exportiert. Unser Ziel war, die von uns ausgebildeten blinden Teppich­knüpfer an kleine Äthiopische Ge­schäfte, so genannte „small-scale-in­dustries“, weiter zu vermitteln, über die sie wieder in ein normales Leben integriert werden sollten. Die spätere kommunistische Regierung übernahm aber dieses Projekt und lies es auslaufen.

Eine besondere Novität führten wir noch ein. Da die Militärregierung unser Blindenwerk und das Grundstück, das wir dafür gepachtet hatten, über­nommen hatte, aber sich dann kaum noch um alles kümmerte, sahen wir wieder viele, besonders zum Betteln benutzte, blinde Kinder auf der Straße. Wir hatten erfahren, dass in Indien blinde Kinder an normalen Schulen mit eingeschult wurden. Wir sandten unseren Schuldirektor Ato Girma zu einer dieser Schulen nach Indien. Ato Girma kam enthusiastisch vom Gesehenen und der Erlebten Integration der blinden Kinder zurück. Seit dieser Zeit nehmen wir blinde Kinder, die meistens zum Betteln in der Stadt benutzt wurden, in der ersten Klasse unserer Schule auf. Für ihre Unterkunft sorgt meistens der Shikka – Schum unseres Dorfes.

Wir hatten während dieser Zeit als eine Westdeutsche Kirche, die zwar mit der Äthiopischen Mekane Yesus Church assoziiert war, sehr große Schwierigkeiten. Die MYC war von kommunisti­schen Kadern zeitweise stark unterwandert und versuchte auch bei uns Einfluss zu nehmen. Wir konnten dieses aber verhindern. Ich konnte bei der kommunistischen Regierung starken Einfluss nehmen, da ich in den vielen vergangenen Jahren den Qualitäts­kaffee, Washed Coffee, mit hohen Verkaufswert für Äthiopien aufgebaut hatte.

Besonders die Regierung war auf die Devisen dieses Kaffees stark angewiesen. Da die kommunistisch, mar­xistisch, leninistische Regierung alles Privateigentum verstaatlicht hatte, arbeitete ich weiter, auch als Berater für die Mengistu Regierung, die den Kaffee Export übernommen, aber keine Fachkräfte dafür hatte. Die Kaffeefirmen in Deutschland wollten aber nicht wie gewohnt Kaffee von der Regierungsfirma, die keine ausgebildeten Kaffee Experten hatte, abnehmen. Ich wollte nicht, dass meine Arbeit von vielen Jahren umsonst gewesen und kaputt geschlagen würde. So wurde ich freier Berater bei der kommunistischen Regierung. Heute Ist Deutschland der größte Abnehmer von äthiopischem Qualitätskaffee.

In den fast 30 Jahren, die ich mit meiner Frau und drei in Addis geborenen Töchtern, von denen zwei in der Kreuzkirche getauft und konfirmiert wurden, verbrachte, passierte natürlich viel bei der sich stets im Wechsel befindenden Gemeinde.

Ein ökumenisches Geschehen war das Zusammen­gehen mit der Katholischen Gemeinde. Ihr Kirchenältester Dr. Weithaler und ich waren eng befreundet. Als Ihr Pfarrer plötzlich das Land verließ, setzten wir uns, beide Kirchenvorstände, zusammen und erreichten – Hakim Weithaler über die Nuntiatur und Rom, wir über unser Außenamt – trotz vieler Gegenstimmen in unseren Vorständen, dass die katholische Gemeinde mit uns assoziieren konnte. Seit dem besuchen wir gemeinsam den Gottesdienst und wer möchte, auch das gemeinsame Abendmahl. Außerdem ist es eine Selbstverständlichkeit geworden, dass ein Katholischer Pfarrer zwei- bis dreimal im Jahr für Amtshandlungen aus Nairobi oder Kairo, nach Addis Ababa kommt.

Nicht zu vergessen ist, dass unsere Frauen von Anfang an viele Arbeiten in der Gemeinde übernahmen. So trafen sie sich jeden Dienstag in der Woche um aus gespendeten Stoffen die jährlichen Schuluniformen zu nähen oder gespendete Kleider zu verteilen. Noch viele andere Arbeiten wurden von ihnen bewältigt. Zur Kaiserzeit wurden diese Arbeiten mit einem Empfang beim Kronprinzen gewürdigt.

 Das heutige Grundstück unserer Gemeinde

Ganz besonders möchte ich hervorheben, dass auf den Pastorenfrauen stets eine große Verantwortung lag und ein großes Arbeitspensum wartete. Sie haben stets den größten Teil der Verantwortung und Arbeit des Sozialwerkes übernommen. Aus diesem Grunde haben wir auch eingeführt, dass nach einer Neuausschreibung des Pastorenpostens für die Kreuzkirche das in Frage kommende Ehepaar auf Kosten der Gemeinde nach Addis fliegen konnte. Beide Seiten konnten so feststellen, ob sie sich zumuten wollten, miteinander diese hoch­verantwortliche Arbeit für sechs Vertragsjahre einzugehen. Es hat fast immer geklappt.

Jetzt zu unserem 50-jährigen Jubiläum möchte ich voller Stolz sagen, dass unsere „Gemeinde Deutscher Sprache in Äthiopien“ unsere „Kreuzkirche“ nicht nur in Äthiopien, sondern weltweit anerkannt ist. Sie gilt als vorbildliche Organisation für viele, besonders auch für hochrangige Besucher Äthiopiens. Unsere Kirche ist Anlaufpunkt, neben der Deutschen Botschaft, der Deutschen Botschaftsschule und dem Goethe Institut, für alle neu ankommenden Landsleute.

Unsere Kirche ist ein Beispiel dafür, was durch christlichen Einsatz, beharrliche Arbeit in guten und auch schlechten, ja gefährlichen Zeiten, möglich ist.

Friedrich Wilhelm Graf von der Recke von Volmerstein

1952 Aufruf zur Spendensammlung

1954 stand ein erster Spendenaufruf im Kirchenvorstand zur Diskussion.

In unseren Akten befindet sich davon noch der Entwurf. Hier kommt der Text und das Facsimile. Ein echtes historisches Dokument zu den Anfängen des Kirchenbaus, der dann erst 1964 verwirklicht werden konnte.

Entwurf eines Briefes 
14.5.1954An alle evangelischen Christen deutscher Sprache in EthiopienBetreff: Neubau eines Gemeindehauses mit KirchenraumLiebe Brüder und Schwestern in dem Herrn!Mit Gottes Hilfe wächst unsere Gemeinde von Tag zu Tag; vor 1 1/2 Jahren zählten wir 17 Gemeindeglieder, heute fast einhundert.Es ist zu erwarten, dass sich diese Zahl schnell vermehren wird – damit steigt auch die Zahl der Gottesdienstbesucher am Sonntag; auch die Kinder Sonntag Schule wird stark besucht. Dazu kommen die fest Gottesdienst an Feiertagen, nicht zuletzt Taufen, Konfirmation und Trauungen und sonstige kirchliche Dienste.Unser gemietetes Gemeindehaus ist zu klein! Wir brauchen ein größeres Haus!Da uns die Hermannsburger Mission Asylrecht auf ihrem Grundstück (gegenüber dem Pasteur Institut) dankenswerterweise eingeräumt hat, glauben wir in Eigenhilfe das Problem lösen zu können, um zu einem Gemeinde-Eigenheim zu kommen.Wir appellieren hiermit an alle deutscher Sprache uns Ihre finanzielle Hilfe nicht zu versagen und bitten herzlich um reichhaltige Spenden.Geschäftsunternehmen können diese Hilfsaktion im Dienste der Deutschen Gemeinde auch dadurch unterstützen, dass Baumaterialien und Einrichtungsgegenstände gespendet oder zu verbilligten Preisen zur Verfügung gestellt werden. –Möge Gott dieser Aktion mit seinem Segen vollen Erfolg verleihen – wir wollen dankbar sein dem Herrn für jede Gabe und wollen Gottes reichen Segen erfrieren dienen, die damit Freuden geben.Diese Sammelaktion, im Dienste des Deutschtums, zum Lobe des Herrn und zur Stärkung der uns alle verbindenden Glaubensgemeinschaft, wollen wir unter ein Wort des Herrn stellen:Geben ist seliger denn nehmen!
Mit Glaubens
i.A. W.Tf.d..Kirchenvorstand 

an alle deutscher Firmen und Agentenan
alle Gemeindeglieder
an alle deutscher Sprache
an deutsche Regierungsstellen (durch die Gesandtschaft)
an den Martin Luther Bund, Erlangenan den Gustav Adolf Verein
an den deutschen Industrieverband
an die deutsche Pressean Luther
an Word Council (USA) ?
an die Evangelische Kirche und Evangelische-Lutherische Kirche in Österreich
an die Evangelische Kirche in der Schweiz
an die Afrika Verein in Deutschland durch Presseaufruf
an persönliche Freunde oder persönlich bekannte Firmen in Deutschland durch die Mitglieder des Kirchenvorstands und anderer Förderer.
Überweisungen / Sachspenden aus Deutschland / Ethiopien
an:Deutscher Evangelischer Missionsrat, Finanzkommission, Hamburg 13 Feldbrunnenstraße 29
1954-05-14-Kirchenbau-Brief-Entwurf-01
1954-05-14-Kirchenbau-Brief-Entwurf-02

1956 Erste Entwürfe für die eine neue Kirche

1956-02-20-Entwurf-Kirchenbau-07-200px

Vor über 60 Jahren begann der Kirchenvorstand der Gemeinde mt Vorüberlegungen zum Kirchenbau.

Zu unseren ältesten Aktenstücken gehören Zeichnungen für einen neuen Kirchenbau. 1956 diskutierte der Kirchenvorstand wohl intensiv, wie die zukünftige Kirche aussehen sollte.

Interessant zu sehen, was besprochen wurde und wie die Kreuzkirche dann geworden ist.  

Evangelische Kreuzkirche Addis Abeba um 1968

Kreuzkirche-ca-1968

1928 Evangelisches Gemeindehaus wird eingeweiht

Das Missionshaus der Hermannsburger Mission diente der Evangelischen Gemeinde lange als Gemeindehaus. Hier wurde sie auch gegründet.

12. Februar 1928: Einweihungsgottesdienst der ersten deutschen Ev.-Luth. Gemeinde in Addis Abeba.

Das erste angemietete Missionshaus der Hermannsburger Mission (Ev.-luth. Missionswerk in Niedersachsen, ELM), die Ende 1927 die Arbeit in Äthiopien aufgenommen hatte, diente der Gemeinde zum Gottesdienst.

1928-02-12-Evangelisches-Gemeindehaus

Das Gruppenfoto zeigt oben von links stehend: Hermann Grabe (Hermannsburger Handwerkermissionar), Hans Borinski (Dolmetscher), ein äthiopischer Junge (?), P. Hermann Bahlburg im Talar (Hermannsburger Missionar), und den österreichischen Globetrotter Böhm. Unten auf dem Boden stehend von links: Johannes, Winniger, Dr. Schlobbies, Dr. Prüfer (Deutscher Gesandter), Dr. Melchers (Konsul), Gerke, Büron, Kurt Schumacher mit Frau, Inge Plazikowski, Frau Von Dostrowski, Frau Härtel, ein Kind von Schumachers, Fischer, ein Kind von Schumachers, Frau Gerke, Frau Fischer, Dabbert, Nauss, Stift, Adolf Müller (Hermannsburger Handwerkermissionar) und P. Dietrich Wassmann sen. (Hermannsburger Missionar). Insgesamt ca. 27 Personen.

Ein Geschenk der German Hermannsburg Mission (GHM/ELM) anlässlich des 80-jährigen Bestehens der Evangelischen Gemeinde Deutscher Sprache in Äthiopien.