Die Evangelische Gemeinde in Addis Abeba (1973)


In der Nähe der Haile-Selassie I.-Universität am Sidist Kilo und am Rande der großen Kaiser-Wiese, Dchanhoi Meda, steht eine ungewöhnliche, aber schöne moderne Kirche. In dem großen Garten rund um die Kirche sind Pfarrhaus, Versammlungsraum und ein Schulgebäude. Blinde Bettler; Mitglieder des diplomatischen Korps; äthiopische Kinder; Ärzte; Frauen, Männer und Jugendliche verschiedenster Hautfarben gehen täglich ein und aus. Jeder kennt sie als „the German Church“; die „deutsche Kirche“, obgleich sie sich ganz bewusst, im Hinblick auf die nichtdeutschen Mitglieder, „Evangelische Gemeinde Deutscher Sprache“ nennt.

Wieso gibt es eine Evangelische Gemeinde Deutscher Sprache in Äthiopien und seit Wann? Sicherlich seitdem sich zwei oder drei Deutsche evangelischen Glaubens im Lande Äthiopien befanden — denn „wo zwei oder drei zusammen sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter euch!“ — da ist also Gemeinde. Zu den ersten Deutschen, die sich überhaupt in Äthiopien niederließen, um länger hier zu arbeiten und wohnen, gehörten die Missionare. Die Hermannsburger Mission wollte bereits 1848 in diesem Lande unter den Galla arbeiten. Aber erst im Jahre 1928 konnten die Missionare hier anfangen. Sie hielten auch Gottesdienste für sich, unterrichteten ihre eigenen Kinder und besprachen in ihrer Muttersprache die Fragen und Probleme, die ihnen in diesem Lande begegneten. Die anderen deutschsprachigen Menschen, Mitglieder des diplomatischen Korps, Forscher, Geschäftsleute, Abenteurer, Reisende usw. nahmen an den Gottesdiensten teil, schickten ihre Kinder in die deutschsprachige Schule der Mission und kamen in Gespräche über Arbeit und Hiersein im Kaiserreich Äthiopien. Daraus entstand zunächst unbewusst —, dann ganz bewusst, eine „Gemeinschaft Evangelischer Christen Deutscher Sprache in Äthiopien“. Die Notwendigkeit eines solchen geistlichen Mittelpunktes ergab sich aus der Situation. Einige Male ist die Kontinuität der Gemeinde durch Krieg oder andere Umstände unterbrochen worden —aber sie entstand immer wieder neu.

Ein Hauptgrund dafür ist, dass in diesem Lande eine richtige Integration Europäer und Äthiopier weder erwünscht noch möglich ist.

Sehen wir uns nun die Deutsche Gemeinde genauer an. Das Land, auf dem alles steht, wurde vom Kaiser geschenkt und wird auf DM 300.00,— geschätzt. Ein wahrhaft kaiserliches Geschenk an eine kleine Gruppe Menschen, hauptsächlich aus Dankbarkeit, dass ein paar deutsche Frauen die fromme Erziehung seiner Kinder, Neffen, Nichten und Enkel übernommen haben. Alles hier ist auf Beziehung oder besser gesagt, auf „Vertrauen in Personen“, aufgebaut.

Die Kirche selbst ist der Entwurf eines früheren Kunstlehrers der Deutschen Schule, Herrn Dinkhuhn, der sie für „äthiopisch“ hielt. Die Umgestaltung seiner Grund-Idee wurde von einem deutsch-französischen Architekten vorgenommen, der die State Bank und andere Rundgebäude hier im Lande baute.

Die Kirche trägt den Namen „Kreuzkirche“ (amharisch: Mäskäl-Kirche). Bei ihrer Einweihung nahmen zum ersten Male im Lande alle hiesigen Kirchen teil, von der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche über die Mäkanä-Ijäsus-(äthiopisch lutherische) Kirche, bis hin zur Katholischen Kirche. Die Äthiopier sehen den Bau als „typisch deutsch“ an und staunen darüber, dass die Deutschen nicht nur Mercedes und Volkswagen bauen können. Orthodoxe Priester verbeugen sich vor der Kirche, und wenn sie hineinschauen, in den wirklich gelungenen Innenraum mit seinem sich nach oben verjüngenden Pfeilern, die sich zu einer tiefblauen afrikanischen Himmelsdecke voller Sterne strecken, und wenn sie das große Holzkreuz bis beinahe unter der Decke erblicken, und wenn sie durch das runde Fenster über dem großen ellipsenförmigen Altar auf das Turmkreuz blicken, sagen sie erstaunt: „Sind Deutsche auch Christen? Das wussten wir nicht!“ Der jetzige Patriarch drückte es so aus: „Wir nehmen Euch als Brüder in Christus auf —, weil Ihr auch eine große Kirchentradition habt!“ Im groß angelegten Pfarrhaus finden regelmäßige wöchentliche Gesprächsabende über alle Fragen der Entwicklungshilfe, Wirtschaft und Theologie statt. Ein neutraler Ort der Begegnung für Menschen, die „Deutsch reden“ möchten. Auch ein gastfreies Haus, in dem eine Mutter über ihre Kindererziehung, ein orthodoxer ‚Bischof über seine Handwerkerschule, eine Prinzessin über ihre Sozialaufgabe, ein Tourist über seine Eindrücke vom Lande, oder ein Hippie über seine Geldnöte reden kann.

Die Sozialgebäude wiederum zeigen, dass die Kirche ernsthaft versucht, ihre Aufgaben in der Welt wahrzunehmen. Blinde Bettler, verlauste Kinder, Soldatenfrauen, Kleinbürger des Landes, entwurzelte Bauern, Teenagers, die ihre Schulbildung nicht zu Ende machen konnten, werden hier betreut. Von Montag bis Samstag, 9.00 bis 20.00 Uhr, ist dieses Zentrum für sie offen. Sie nennen es ihre Kirche, obgleich der Religionsunterricht, den sie bekommen, von einem orthodoxen Priester erteilt wird. Der Stab besteht aus Äthiopiern und Europäern, die hier zusammenarbeiten.

Der Dienst der Evangelischen Gemeinde zu Addis Abeba Jeden Sonntag um 10.30 Uhr hält die Gemeinde in der Kreuzkirche Gottesdienst und Kindergottesdienst. An jedem ersten Sonntag im Monat wird das Abendmahl gefeiert. Wöchentlich finden Vortrags- und Aussprache-Abende für Erwachsene statt. Die Jugend wird zu Film,- Schallplatten-, Diskussionsabenden und Ferienlagern besonders eingeladen. Kindernachmittage werden regelmäßig durchgeführt. Der Chor der Gemeinde ist international und überkonfessionell besetzt. Die Theatergruppe der Gemeinde tritt mehrere Male im Jahr mit Aufführungen an die Öffentlichkeit. Gemeindemitglieder leiten die umfangreiche Sozialarbeit (z. B. Näh- und Kochkurse, Literacy, Kinder-Vorschule, Abendkurse usw.) für etwa 150 Äthiopier der Nachbarschaft, und 30 Blinde.

Auch für überkonfessionelle Veranstaltungen und Gottesdienste anderer Konfessionen wird die Kirche zur Verfügung gestellt. Eine Buchhandlung ist mit Büchern der deutschen Sprache der Kirche angeschlossen. Die Gemeinde pflegt die Verbindung zu Christen anderer Konfessionen und Nationen. Sie steht in der ökumenischen Bewegung und ist offen für alle Menschen, die am Leben der Gemeinde teilnehmen und bei der Erfüllung ihrer Aufgaben helfen wollen.

William Lane Graffam

William Lane Graffam war der erste von der EKD entsandten Pfarrer der deutschsprachigen Gemeinde in Addis Abeba. Er war von 1966 – 1975 Pfarrer unserer Gemeinde.

aus: „Zeitschrift fuer Kulturaustausch“, Sonderausgabe 1973, „Aethiopien“

Ein Achtundsechziger in Äthiopien

Erinnerungen des Dompredigers i.R. Hempel an sein Vikariat in Addis Abeba 1973-1974

Im Interview mit Paul-Josef Raue

Hatten denn die Deutschen in Addis auf einen Achtundsechziger aus Braunschweig gewartet?

Nun ja, ich hatte ja nun das Studium mit dem Examen abgeschlossen, und es begann der Weg in den Beruf — also eher die übliche Entwicklung. Aber was für eine andere Welt für den gerade examinierten Theologiestudenten: Da stand ich vor Botschaftern und offiziellen Repräsentanten deutscher Institutionen, vor gestandenen Missionaren der Hermannsburger Mission, Studienräten der Deutschen Schule und anderen — mit Cordhose, Bart und kariertem Hemd.

Die Zuhörer meiner Predigten waren klassisch akademisch gebildete Leute: Die Lehrer der deutschen Schule, Botschaftsangehörige, Mitarbeiter von UNICEF, und sie alle „stürzten“ sich auf diesen jungen deutschen Vikar. Ich fühlte mich noch als Student — und war von heute auf morgen in eine völlig andere Gesellschaft katapultiert worden. Das machte schon Atemnot, wahrscheinlich auf beiden Seiten.

Ich hatte auch keine liturgische Kleidung, nur ein äthiopisches Kreuz, das ich vom Dekan der Trinity-Cathedral geschenkt bekam, und meinen schwarzen Talar. Meine Frau Gisela bekam eine Arbeit in einem internationalen Kindergarten. So bekamen wir über die Deutsche Gemeinschaft hinaus auch internationale Kontakte. Das war gut.

Was mussten Sie tun? Nur predigen und über das äthiopische Hochland fahren und Reifen wechseln?

Ich bin von heute auf morgen Lehrer an der Deutschen Schule geworden, 7. bis 9. Klasse und Abiturklasse. Ich habe Religionsunterricht in der 13. Klasse gegeben und Abiturprüfungen abgenommen. Gestern war ich noch Student, plötzlich war ich Lehrer. Die Schule war heilfroh, dass sie einen hatten, der Religionsunterricht geben konnte. Der Schuldirektor sagte: „So eine richtige Lehrbefugnis haben Sie eigentlich noch nicht. Ich komm dann mal in den Unterricht und gucke, wie Sie das so machen.“ Der war nach seinem Besuch ganz begeistert von mir.

Und dann?

Kindergottesdienst, Konfirmandenunterricht, das ganze Programm eben. Das einzige, was es nicht gab, waren Trauungen und Beerdigungen, die sogenannten Amtshandlungen. Die habe ich in Afrika nicht so richtig gelernt, die musste ich nachher in Braunschweig nachtrainieren. Mein Ausbildungsreferent nannte das: Braunschweiger Kolorit üben.

Ich hatte auch die Deutschen zu betreuen, die im Land unterwegs waren: Hermannsburger Missionsstationen, Christoffel-Blindenmission — auch das Bau-Camp eines deutschen Straßenbauunternehmens, das eine neue Verbindungsstraße zur Hafenstadt Assab am Roten Meer baute. Da waren wir eingeladen, am Heiligabend zu predigen. Also fuhren wir fünfhundert Kilometer von Addis entfernt; eine Asphaltstraße dorthin gab es nur teilweise. Auch musste ein Mietwagen her, denn mit meinem Triumph wäre der Triumph auf der Straße ausgeblieben. Es waren unsere ersten Erfahrungen mit unterschiedlichen Klimazonen zwischen Bergland, Addis Abeba liegt 2.400 m hoch, und Wüste mit Staub und eigener Fahrweisendynamik! Der schwarze Talar sah später gräulich aus.

Das Baulager war eine richtige kleine Stadt mit Bungalows, in der die Familien wohnten, und einer Schule. Heiligabend war tolles Wetter, die Sonne schien, 25 Grad. Die Arbeiter hatten am Swimmingpool einen Gottesdienstplatz hergerichtet, die Kanzel bestand aus drei aufeinandergestapelten Apfelsinenkisten, ein schönes Tuch drum herum, ein paar Blumen drauf — und vor mir saß die Gemeinde, die guckten zu mir und auf das Wasser im Pool. Wir haben „O du fröhliche“ gesungen und „Stille Nacht, heilige Nacht“ — auf „Leises Schneerieseln“ haben wir aber verzichtet.

Ich hatte den schwarzen tropentauglichen Talar angezogen, darunter war es eher luftig; den Talar habe ich immer noch — er hat wahrlich gute Dienste geleistet. Nach dem Gottesdienst sind alle in den Swimmingpool gesprungen, denn das Klima war feucht-warm. Abends saßen wir mit Freunden und Gastgebern in einem Wohncontainer, der uns als Gästehaus angeboten war; eine Freundin von uns, die in der Hermannsburger Mission im Kindergarten arbeitete, hatte eine Flasche Martini mitgebracht — und den haben wir aus Kaffeetassen getrunken. Es war ein schöner Heiligabend.

Was haben Sie den Bauarbeitern gepredigt, an einem heißen Weihnachtstag in der äthiopischen Savanne, fernab von der Heimat? Kamen Schnee und Tannenbaum vor?

„Weihnachten ist nicht wetterabhängig“, so fing ich an. Natürlich waren alle mit ihren Gedanken im Harz oder im Schwarzwald, eben in ihrer Heimat. Kein „Kling, Glöckchen, kling“, predigte ich, „aber wir wissen es besser: Weihnachten findet auch statt, wenn das übliche Ambiente nicht da ist.“ Ich habe die Leute daran erinnert, dass Weihnachten eigentlich aus solchen Verhältnissen wie in Äthiopien kommt. In Bethlehem ist es bergig, das haben wir in Äthiopien auch; ich habe einmal sogar Schnee gehabt in Addis.

Wie bekommst du geografisch existentielle Situationen zusammen mit biblischen Texten? Diese Frage hat mich lange beschäftigt. Viele der orientalischen Bilder, die es in der Bibel gibt, sind in Äthiopien oder Arabien leichter verstehbar als bei uns in Deutschland. Dort muss ich nicht erklären, was eine Oase ist. Dort muss ich nicht erklären: Der Herr ist mein Hirte. Wo Hirten und Herden zum täglichen Straßenbild gehören, da sind biblische Bilder unmittelbar vor Augen. Du brauchst nur einen, der darauf hinweist, zeigt, dolmetscht, Zusammenhänge herstellt. Daran hatte ich immer Freude!

Für uns in Deutschland ist diese orientalische Bilderwelt eine fremde. Für uns ist sie kompliziert; deswegen haben sich auch Generationen von Predigern geflüchtet in philosophische und pseudo-philosophische Gedankenwelten. Zu meiner Studienzeit jedenfalls stand das Johannes-Evangelium ganz hoch im Kurs wegen seiner wunderschönen philosophischen Sätze wie „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort.“ Die Zuhörer in den Kirchen staunten, weil sie nicht verstanden haben, was der Pastor ihnen sagen wollte, es war zu abstrakt.

Da ist wieder die hermeneutische Frage: Luther schaute dem Volk aufs Maul, aber er redete ihnen nicht nach dem Mund. Diese Einsicht ist ein wichtiger Teil meines beruflichen Weges geworden; dabei kann ich auch theologisch abstrahierend sprechen, das habe ich nachgewiesen mit zwei Staatsexamina.

In Äthiopien kamen Sie nicht gerade in ein Musterland: Ein Kaiserreich seit Jahrhunderten, eines der ärmsten Länder der Welt. Sind Sie ein Bewunderer der Monarchie geworden?

Ich bin Kaiser Haile Selassie auf jeden Fall sehr nahe gekommen, wörtlich verstanden. Schon recht früh bin ich dem Dekan der Dreifaltigkeits-Kathedrale in Addis begegnet, die der Kaiser erst 1941 nach der Rückkehr aus dem Exil eingeweiht hatte. Der Dekan war auch der Beichtvater des Kaisers. Ich bin nun wirklich kein Bewunderer von Monarchen, mir fallen irdische Bewunderungen überhaupt schwer: Mich interessieren Menschen, die etwas zum Guten verändern wollen. Dieser Dekan, noch nicht einmal 50 Jahre alt, kam aus Äthiopien und engagierte sich in Genf im „Ökumenischen Rat der Kirchen“ und war an Reformen in seiner orthodoxen Kirche interessiert.

Der sah nun diesen jungen Vikar, der frisch von der Uni kam. Er mochte meine Frau und mich, nahm uns wie zwei Kinder links und rechts an seine Hand und zeigte uns ein Kloster, für das er zuständig war und in dem er gemäß dem alten Wort „Ora et labora — bete und arbeite“ die Nonnen mit Gartenbau und Handwerk zu neuem Engagement angeregt hatte. Der Dekan wollte neben Wort und Lobgesang auch praktische Arbeit, er wollte Reformen umsetzen, um seine Kirche aus liturgischer Stagnation zu befreien. Er diskutierte mit mir über Martin Luther und den Zusammenhang von theologischer Erkenntnis und praktischem Kirche sein.

Joachim Hempel

Kreuzkirche: Skizze der Innenraumausstattung von 1965

Ausführendes Architekturbüro Henri Chomette (1921 – 1995)

Skizze der Innenraumausstattung der Kreuzkirche von 1965

Ausführendes Architekturbüro Henri Chomette (1921 – 1995)

Weitere Arbeiten von Henri Chomette sind unter anderen:

  • Commercial Bank of Ethiopia, Addis Abeba, Äthiopien, im Jahr 1953.
  • Zweite Abidjan-Brücke in Abidjan, Elfenbeinküste , im Jahr 1964.
  • Botschaft von Frankreich in Ouagadougou, Burkina Faso, 1966.
  • Auditorium in Dakar, Senegal.
  • Konferenzzentrum in Dakar, Senegal, 1979.
  • Lutherische Schule, Dakar, Senegal, 1979.
  • SOS-Kinderdorf , Dakar, Senegal, 1979.

Ein sehr langer Anlauf

Ein langer Weg bis zum ersten Gottesdienst in der Kreuzkirche.

Rumpelnd fuhr das Fahrwerk der DC 3 des Luft-Mulis der Äthiopien Air Line aus. Aus Nairobi kommend hatten wir gerade die Äthiopische Seen-Platte mit den eng zusammen liegenden Seen, Lake Abaya, Awasasee, Lake Shalla und Langano See, Horra Abyiata und Zeway See überflogen. Besonders die vier eng zusammen liegenden Seen leuchteten im späten Nachmittagslicht in drei Farben zu mir hinauf. Lake Shalla tief Blau, der Langanosee gegenüber rötlich Braun, der Horra Abyata wieder in tiefem Blau, auf einer Seite rosa schimmernd, (wie ich später heraus fand, lag das an 10.000den Flamingos) und der Zeway See grau-grün mit weißen Schaumkronen der Wellen. Dann lagen die 5 Kraterseen um den Ort Bishoftou (Debre Sait) unter uns. An dem größten, dem Bishoftou-See, war der weiße Hotelkomplex des Ras Hotels zusehen. Im Trichter des Zuqualla Vulkans lag wie eine Perle in der Muschel, der Kratersee mit seinem kleinen Kloster. Später haben wir auf manch einer Safari dieses alles erforschen können.

Im Sinkflug überflogen wir noch einige kleine Dörfer, drehten eine Kurve vor dem Hausberg Entotto in dem Addis Ababa, damals 750.000 Einwohner groß, eingebettet liegt, landeten dann auf einer großen Wiese, an deren Ende eine größere Holzbaracke und ein mit Antennen bestückter Holzturm stand. Parallel zu uns zog sich ein breiter Zementstreifen hin. Wie ich später erfuhr, war es die Rollbahn für die größere, viermotorige DC 6, Maschinen die Äthiopien Air Line für den Internationalen Flugverkehr einsetzte. Sollte dieses der Flugplatz der Hauptstadt Äthiopiens sein? Ich frug den neben mir sitzenden, im typischen Safary Look angezogenen Engländer: „Tell me, is this Addis Ababa Air Port?“ Der Brite meinte nur: “This lousy shit over there is Addis Airport Building.” Naja, ich war an meinem Bestimmungsort angekommen.

Mir fiel sofort auf, dass eine große Menge schwer bewaffnetes Militär in und um dem Flugplatzgebäude herum stand. Da erinnerte ich mich, dass es vor kurzem ein „Coup d´état“ in Äthiopien gegeben hatte. Der Kaiser war auf Einladung des brasilianischen Präsidenten zur Eröffnung der brasilianischen Hauptstadt „Brasilia“ in Brasilien gewesen, als in Addis seine Body Guard putschte. Er kam sofort zurück und schlug mit Heer und Luftwaffe, die loyal zu ihm hielten, den Putsch nieder. Es würde zu weit gehen hier Einzelheiten zu bringen.

Ich hatte mein Ziel erreicht, nachdem ich als Kaffee-Landwirt-Kaufmann-Schmecker und Spezialist, einige Wochen in Kenia verbracht hatte. Dort hatte ich für meine Firma in Hamburg einige Tausend Sack Kaffee auf der Auktion ausgesucht, verkostet und gekauft. Die Abwicklung des Exports übernahm dann eine einheimische Export Firma.

12.2.1928 Evangelischer Gottesdienst in deutscher Sprache zur Einweihung des Missionshauses in Addis Abeba 

Meine Aufgabe in Äthiopien war es auf Wunsch des Kaisers Haile Selassies, den Kaffee im Mutterland des „Kaffee Arabica“ so zu verbessern, dass er nach Deutschland exportiert werden konnte. Mein damaliger Chef, der auf Einladung des Kaisers einige Wochen im Lande war, hatte  verschiedene Kaffeeprovinzen bereist und festgestellt, dass der Kaffee im Lande einmalig gut war, die Kaffeekirschen aber total falsch geerntet und behandelt wurden, sodass der Rohkaffee für sehr wenig Geld hauptsächlich nur an die USA verkauft wurde. Äthiopien, ein Land, das hauptsächlich vom Export landwirtschaftlicher Güter abhängig war, Erze und Öl gab es im Lande nicht, erzielte hauptsächlich mit dem Verkauf von Kaffee die so dringend benötigten Devisen.

Ich sollte dieses ändern. Ich wusste, dass dieses eine schwere Aufgabe war. Aber, dass ich fast 30 Jahre im „Lande des Löwen von Judah“, ab 1974 nach der schleichenden, grausamen Revolution in einem Marxistische-Leninistischen, kommunistischen Land bleiben würde, das hätte ich mir niemals vorgestellt.

9.11.1928 Erster Schultag der Schule der Evangelisch-Lutherischen Christuskirche in Addis Abeba

Den äthiopischen „Wild-Kaffee“ für Deutschland hoffähig zu machen war meine Aufgabe. Ja, ich brauchte 30 Jahre. Heute ist Deutschland der größte Abnehmer des feinen, würzigen, hauptsächlich noch wild wachsenden Bio – Kaffees. Der Verkauf bringt dem Staat hohe Devisen und den einzelnen Bauern und Kooperativen einen geregelten, guten Ertrag. Kaum eine Entwickelungshilfe kann, auch unter Einsatz vieler Millionen, die ich nicht zur Verfügung hatte, auf so eine Erfolgsstory zurück schauen.

Für mich, als evangelischer Christ erzogen, war es eine Selbstverständlichkeit, nachdem ich mir eine Bleibe gesucht und andere Deutsche kennen gelernt hatte, auch mich nach Gottesdiensten und Zusammenkünften unserer Kirche zu erkundigten.

Bei meinem täglichen Mittagessen in dem sogenannten „Deutschen Restaurant“, das von der Frau eines Deutschen Arztes des Haile Selassie Hospitales, Frau Emanuel, geführt wurde, lernte ich sehr schnell Landsleute kennen, die schon längere Zeit in Addis Ababa lebten. So erfuhr ich, dass es eine „DEUTSCHSPRACHIGE GEMEINDE EVANGELISCHER CHRISTEN“ in Addis Ababa gebe. Gottesdienste gäbe es sonntags in der Deutschen Schule. Ich solle doch mal in die Lions Pharmacy auf der Churchill Road gehen und mit Herrn Hildebrandt, dem Apotheker, sprechen, der Vorsitzender des Kirchenvorstandes sei. Also besuchte ich Herrn Hildebrand, der mir sagte, dass Gottesdienste in der Deutschen Schule nahe dem Sidist-Kilo-Platz stattfänden.

Ich besuchte mit meinem Freund Albrecht Branding, mit dem ich zusammen eine Wohnung teilte, diesen Gottesdienst. So lernte ich Pastor Launhardt, Missionar der Herrmannsburger Mission für Äthiopien, kennen. Pastor Launhardt entnahm seiner Aktentasche Kreuz, Bibel und Gesangbücher und leitete mit einem schönen, bekannten Kirchenlied den Gottesdienst ein. Ich musste dabei an meine Mutter denken, die in Südafrika geboren wurde und über Gottesdienste des Pfarrers in Cape Town sprach, der mit seinem Klappaltar in das Konsulat ihres Vaters kam und dort für Deutsche Evangelische Christen den Gottesdienst hielt. Pastor Launhardt hielt eine sehr gute Predigt, die mich dem Lande, in dem ich nun lebte, näher brachte.

Ich war damals 1961 noch „Single“, verlobte mich aber im Januar 1962 mit Oda von Doering, als ich mit dem Oma –Bomber, einem Charter Flug nach Deutschland flog, um in Hamburg eine Kaffeefirma für Äthiopien zu gründen.

Meine Verlobte reiste per Schiff im Juli 1962 zusammen mit meiner Schwester nach Äthiopien. Pfarrer Launhardt traute uns in Anwesenheit vieler Gemeindeglieder in der anglikanischen Basilika in Addis, nachdem wir standesamtlich auf unserem herrlichen Botschaftsgelände von Dr. Dietrich, dem ersten Sekretär, amtlich geheiratet hatten.

Einladung zur Weihnachtsfeier 1955

Ich war nun viel im Kaffeeland von Kaffa und Sidamo und anderen Kaffeegebieten unterwegs, um den Kleinbauern beizubringen, wie sie den Kaffee zu ernten und aufzubereiten hatten. Manchmal war ich in der Chakka mit einer Maultier Karawane beladen mit Kaffeemaschinen wochenlang unterwegs und konnte meine Frau nur über Postläufer Nachrichten zukommen lassen.

In Addis hielt ich enge Verbindung zu Pastor Launhardt, von dem ich erfuhr, dass er sich sehr bei Kaiser Haile Selassie um ein Grundstück für unsere Kirche bemühte. Ich war ja hauptsächlich auch für das Kaiserhaus, im Besonderen für Ras Anderkatchew Messai, der damals meinen Chef Herrn Christen eingeladen hatte, nach Äthiopien gekommen. So lernte ich auch seine Frau, Prinzessin Tanange Work kennen, die eine Kaffeeplantage im Wondo Valley bei Shashamane besaß. Sie bat mich den italienischen Verwalter zu beraten um die Plantage rentabel zu gestalten. So hatte ich die Gelegenheit, sie häufiger zu sehen. Von Pastor Launhardt wusste ich um die Bitte an den Kaiser für ein Stück Land für ein Kirchengrundstück für unsere Evangelische Gemeinde. Bei den Treffen mit Prinzessin Tange Work konnte ich diesen Wunsch unserer Gemeinde an ihren Vater mit einbringen, in der Hoffnung, dass sie die Bitte um ein Stück Land für unsere Gemeinde an ihn weiter gebe. Sie tat es und ich hoffte, dass es dazu beitrug, dass Pastor Launhardt schließlich am 23. März 1962 dem Kirchenvorstand in Anwesenheit von Missionsdirektor Wesenik mitteilen konnte, dass der Kaiser bereit war, ein Grundstück zu geben. Die Kaiserlichen Beamten schoben aber alles auf die lange Bank. Es begann eine Feilscherei um den Ort des Grundstücks. Es wurden fünf verschiedene Grundstücke in der Größe von etwa 3000 m² genannt. (Ich erlebte diese Feilscherei um ein Grundstück wieder als Stellvertretender Vorsitzender des Vorstandes der Deutschen Botschaftsschule nach der Enteignung unserer Schule 1980) Als Verzögerung kam noch der Tod der Kaiserin Iteke Mennen mit einer langen Trauerzeit hinzu. Von deutscher, kirchlicher Seite war auch viel im Umbruch. Die Deutschsprachige Gemeinde Evangelischer Christen hatte damals ein Vertragsverhältnis zur VELKD. Die finanziellen Beihilfen kamen aber von der EKiD, das heißt dem Evangelischen Außenamt, das heute, in Hannover gelegen, noch für uns zuständig ist.

Meine Frau und ich traten zu diesem Zeitpunkt, am 1. August 1962, der Gemeinde bei. Seit diesem Zeitpunkt sind wir mit der Gemeinde nun 54 Jahre eng verbunden.

Es vergingen noch 2 Jahre, in denen immer wieder nachgehakt werden musste, um den Vertrag mit der Stadt abzuschließen. In der Kirchenvorstandssitzung vom 1.Mai 1963 im Haus von Dr. Ende, konnte Kess Johannes Launhardt dem Vorstand, auch in Anwesenheit von Architekt Pascher als Gast, bekannt geben, dass das Ministry of Pen die Stadtverwaltung Addis Ababa angewiesen hat, ein Grundstück in der Größe von etwa 3.000 m² an die Kirche zu geben. Dieses Schreiben ist als Schenkungsurkunde anzusehen und befindet sich in Händen der Gemeinde. Seitens der Gemeinde wurden bereits die Baupläne eingereicht.

Bei einer Kirchen­vor­stands­sitzung im August 1964 konnte Pastor Launhardt grünes Licht geben. Der „Title Deed“, die Besitzurkunde des Kirchengrundstücks, lag vor. Eine Kopie dieser Urkunde sollte auf der Deutschen Botschaft und bei der EKiD in Frankfurt/Main hin­ter­legt werden. Auch die Baugenehmigung der Stadtverwaltung von Addis Ababa lag vor. Der Architekt Pascher, Herr Dinghuhn, Kunstlehrer an der Deutschen Schule, und Herr von Sela vom Architekten Büro Chomette hatten seit langem zusammen mit dem KV über Form und Größe der Kirche konferiert. Ein detaillierter Bauplan lag vor. Von Anfang an stand fest, dass es nach dem Entwurf von Herrn Dinkhuhn ein Rundbau werden sollte, der einem äthiopischen „Tukul“ – einer Rundhütte – nach­em­pfun­den sein sollte.

Erster Entwurf einer Kirche für die deutsche Gemeinschaft von 1956

Die Grundsteinlegung der Kirche fand am 21. Oktober 1964 im Beisein des Bundespräsidenten Heinrich Lübke mit vielen Gemeindemitgliedern und Gästen unter dem blauen, von der großen Regenzeit rein gewaschenen Himmel Äthiopiens statt. Als Startkapital hatte Präsident Lübke je einen Scheck von DM 5.000,- von sich und Bundeskanzler Ludwig Ehrhard im Gepäck.

Der Bau der Kirche verlief wie geplant. Es tauchten natürlich noch viele Schwierigkeiten auf, wie z. B. dass die Grenze des Grundstücks genau durch die einzige öffentlich Toilette der Stadt führte, die dort für das große Tauf-Timkat Fest, an dem viele tausend Orthodoxe Christen in einer farbigen Zeremonie teilnehmen, gebaut worden war. Die Grenze musste umgelegt werden. Es kam hinzu, das die Legung des Fundamentes Schwierigkeiten machte, da das Grundstück am Rande der „Jan Heu Meda“, der Kaiserlichen Wiese, leicht moorig war. Last but not least stand unsere Kirche stolz gegenüber des Griechischen Patronats. Auf der Rückseite grenzte das Grundstück an ein sehr ärmliches, slumähnliches Wohn­viertel. Hier sah man schon die erste Arbeit, die auf unsere Gemeinde zukommen würde.

Die Gemeinde hatte nun eine neue Dimension bekommen. Das Geschenk des Kaisers, die ca. 3.000 m² Bauland, waren verbunden mit der Zusage des Kirchlichen Außenamtes, die Finanzierung des Kirchenbaues und die Übernahme der Sendung und des Gehaltes eines hauptamtlichen Pastors zu übernehmen.

1966 schloss der Radiosender „Voice of The Gospel“, der von einem evangelischen Pastor amerikanischer Herkunft geleitet wurde und von Addis Abeba aus sendete. Der Kirchenvorstand ver­pflich­tete mit Einver­ständ­nis des Kirchlichen Außenamtes der EKD Pastor William L. Graffam am 12.12.1966 als Pastor für unsere Gemeinde. Pastor Graffam hatte in Deutschland studiert, war mit einer deutschen Frau verheiratet und war mit ihr mit sieben Kindern gesegnet.

Damals, nun in Addis beheimatet, wurde ich in den neuen Kirchenvorstand gewählt. Unsere neu etablierte Gemeinde erhielt am 5. Juni 1968 eine neue Gemeindeordnung und wurde in die EVANGELISCHE GEMEINDE DEUTSCHER SPRACHE IN ÄTHIOPIEN umbenannt. Im Kirchenvorstand wurde ich als Laienvorsitzender berufen. Dieses Amt übte ich bis zum Verlassen des Landes 1989 aus.

Auf Pastor Graffam und den Kirchenvorstand kam eine Riesenarbeit zu.

Mit großer Hilfe von Präsident D. Adolf Wischmann vom Kirchenamt der EKD (Evangelische Kirche in Deutschland), der uns häufiger besuchte, wurde auf dem Kirchengrundstück ein Pfarrhaus gebaut, dass für die große Familie der Graffams zugeschnitten war.

Uns alle berührte es, wenn wir in feinen Sonntagskleidern motorisiert zum Gottesdienst kamen, und dann auf die wenige Meter entfernten armen, im Schmutz lebenden Dörfler schauten. Wir mussten versuchen hier zu allererst zu helfen. Gesagt, getan. Es wurden Kleider gesammelt, besonders für die vielen Kinder. Tombolas und Second-Hand-Märkte wurden veranstaltet. Deutsche Firmen wurden zur Kasse gebeten, etc. etc., um Geld zu sammeln.

Die Gemeinde hatte sich sehr vergrößert. Als allererstes musste nun etwas für das an unser Compound grenzende Slumgebiet getan werden. Die Habeshas wohnten dort besonders in der großen Regenzeit unter unvorstellbaren Verhältnissen. Das Wasser, durchsetzt von Fäkalien, stand manchmal auf den unbefestigten, engen Gassen so hoch, dass es in die wenig geschützten Hütten lief. Es war immer wieder erstaunlich zu sehen, wie es möglich war, dass die Bewohner mit schneeweißen Schamas und Gabis diese Shats verließen. Unsere erste Aufgabe war hier sofort zu helfen. Unsere Gemeinde sammelte an allen Ecken und Kanten Gelder um eine Kanalisation zu bauen. Vor der nächsten großen Regenzeit hatten wir mit Hilfe der Dörfler in Eigenarbeit das Dorf trocken gelegt.

Nach dem Pfarrhausbau errichteten wir eine der ersten Fertighausbauten in Äthiopien, der Firma ECAFCO, als Gemeinderaum. Hier traf sich die Gemeinde bei einer Tasse Kaffee, (Deputat, grüner Kaffee an die Gemeinde von mir) nach der Kirche. Auch wurden hier die meisten Vorstandssitzungen abgehalten. Der vielen Armen im benachbarten Dorf Rechnung tragend, die keine medizinische Versorgung hatten, richteten wir ein Medical Center ein, das von einer Krankenschwester ehrenamtlich geführt wurde.

Eine der ersten und nötigsten Anschaffungen war die eines Duschhauses. Die große Krankenquote der kleinen Schulkinder war erschreckend. Meine Johanniter Kommende, der Provinz-Sächsischen Johanniter, bei denen ich bei einem Besuch in Deutschland einen Vortrag auf dem Rittertag hielt, sammelte für uns einen höheren Betrag, mit dem wir das Duschhaus und auch das Lehrer-Fort­bildung-Haus auf un­serem Grundstück bauen konnten.

Skizze der Kirche von Süden

Pfarrer Bill Graffam und seine Frau hatten einen riesigen Job übernommen. Die Dorfältesten baten ihn, Kinder des Dorfes, deren Eltern so arm waren, dass sie die $ 2,- für die Äthiopische Schule nicht zahlen konnten, zu unterrichten. Um auch hier zu helfen, pachteten wir das Nachbargrundstück, er­rich­teten Tukuls in denen Frauen von Ge­meinde­gliedern Kinder der Ärmsten der Armen unterrichteten. Na­tür­lich konnten sie keinen Amharisch-Unterricht ge­ben. Wir beschlossen im KV einen äthiopischen Lehrer anzustellen.

Während des über 20 Jahre andauernden Krieges gegen Tigre und Eritrea und der ersten großen Hungersnot erreichten über geheime Pfade, die Hauptstraßen nach Addis Abeba waren abgesperrt, viele tausend Flüchtlinge aus dem Norden die Stadt. Sie schliefen unter den Sitzreihen des neu erbauten, aber von außen nicht zugebauten Stadions. Sie zogen mit ihren Kindern bettelnd durch die Stadt. Wir wussten über unsere Dörfler, dass viele Flüchtlinge in Höhlen und aufgegebenen Hausruinen am Entoto lebten. Wir versuchten zu helfen, indem besonders unsere Frauen zu diesen Unterkünften fuhren um Hilfe zu bringen und auch Kinder mit in die Kirchenschule zu integrieren.

 Skizze der Kirche von oben

Das größte Problem war die Finanzie­rung. Die­ses führte zur Grün­dung der Sozial­station und der Idee, diese und deren Arbeit über Patenschaften zu finanzieren. Wie wir heute nach 50 Jahren sehen können, war dieses der richtige Weg, der zur heutigen Kir­chen­schule führ­te, die aner­kannt und nach äthiopi­schem Lehr­plan über 1000 Schüler unterrich­tete.

Mit den Jahren wuchs und wuchs die Schule. Im Jahre 1974, im Jahre der ersten großen Hungerkatastrophe, nach Absetzung und Ermordung des Kaisers, hatten wir große Schwierigkeiten unser Sozialwerk weiter zu führen. Während der schleichenden Revolution wurde das Blindenwerk des Kaisers aufgelöst und viele blinde Menschen irrten bettelnd durch die Straßen von Addis Ababa.

Die Evangelische Gemeinde Deutscher Sprache, der KV, entschied sich hier Hilfe zu leisten. Wir pachteten ein weiteres Grundstück dazu, bauten weitere Tukuls auf, schafften aus England Second-Hand-Webstühle an und unterrichteten blinde Äthiopier mit einer Fachkraft im Teppichweben und -knüpfen. Diese Teppiche wurden von uns verkauft und sogar ins Ausland exportiert. Unser Ziel war, die von uns ausgebildeten blinden Teppich­knüpfer an kleine Äthiopische Ge­schäfte, so genannte „small-scale-in­dustries“, weiter zu vermitteln, über die sie wieder in ein normales Leben integriert werden sollten. Die spätere kommunistische Regierung übernahm aber dieses Projekt und lies es auslaufen.

Eine besondere Novität führten wir noch ein. Da die Militärregierung unser Blindenwerk und das Grundstück, das wir dafür gepachtet hatten, über­nommen hatte, aber sich dann kaum noch um alles kümmerte, sahen wir wieder viele, besonders zum Betteln benutzte, blinde Kinder auf der Straße. Wir hatten erfahren, dass in Indien blinde Kinder an normalen Schulen mit eingeschult wurden. Wir sandten unseren Schuldirektor Ato Girma zu einer dieser Schulen nach Indien. Ato Girma kam enthusiastisch vom Gesehenen und der Erlebten Integration der blinden Kinder zurück. Seit dieser Zeit nehmen wir blinde Kinder, die meistens zum Betteln in der Stadt benutzt wurden, in der ersten Klasse unserer Schule auf. Für ihre Unterkunft sorgt meistens der Shikka – Schum unseres Dorfes.

Wir hatten während dieser Zeit als eine Westdeutsche Kirche, die zwar mit der Äthiopischen Mekane Yesus Church assoziiert war, sehr große Schwierigkeiten. Die MYC war von kommunisti­schen Kadern zeitweise stark unterwandert und versuchte auch bei uns Einfluss zu nehmen. Wir konnten dieses aber verhindern. Ich konnte bei der kommunistischen Regierung starken Einfluss nehmen, da ich in den vielen vergangenen Jahren den Qualitäts­kaffee, Washed Coffee, mit hohen Verkaufswert für Äthiopien aufgebaut hatte.

Besonders die Regierung war auf die Devisen dieses Kaffees stark angewiesen. Da die kommunistisch, mar­xistisch, leninistische Regierung alles Privateigentum verstaatlicht hatte, arbeitete ich weiter, auch als Berater für die Mengistu Regierung, die den Kaffee Export übernommen, aber keine Fachkräfte dafür hatte. Die Kaffeefirmen in Deutschland wollten aber nicht wie gewohnt Kaffee von der Regierungsfirma, die keine ausgebildeten Kaffee Experten hatte, abnehmen. Ich wollte nicht, dass meine Arbeit von vielen Jahren umsonst gewesen und kaputt geschlagen würde. So wurde ich freier Berater bei der kommunistischen Regierung. Heute Ist Deutschland der größte Abnehmer von äthiopischem Qualitätskaffee.

In den fast 30 Jahren, die ich mit meiner Frau und drei in Addis geborenen Töchtern, von denen zwei in der Kreuzkirche getauft und konfirmiert wurden, verbrachte, passierte natürlich viel bei der sich stets im Wechsel befindenden Gemeinde.

Ein ökumenisches Geschehen war das Zusammen­gehen mit der Katholischen Gemeinde. Ihr Kirchenältester Dr. Weithaler und ich waren eng befreundet. Als Ihr Pfarrer plötzlich das Land verließ, setzten wir uns, beide Kirchenvorstände, zusammen und erreichten – Hakim Weithaler über die Nuntiatur und Rom, wir über unser Außenamt – trotz vieler Gegenstimmen in unseren Vorständen, dass die katholische Gemeinde mit uns assoziieren konnte. Seit dem besuchen wir gemeinsam den Gottesdienst und wer möchte, auch das gemeinsame Abendmahl. Außerdem ist es eine Selbstverständlichkeit geworden, dass ein Katholischer Pfarrer zwei- bis dreimal im Jahr für Amtshandlungen aus Nairobi oder Kairo, nach Addis Ababa kommt.

Nicht zu vergessen ist, dass unsere Frauen von Anfang an viele Arbeiten in der Gemeinde übernahmen. So trafen sie sich jeden Dienstag in der Woche um aus gespendeten Stoffen die jährlichen Schuluniformen zu nähen oder gespendete Kleider zu verteilen. Noch viele andere Arbeiten wurden von ihnen bewältigt. Zur Kaiserzeit wurden diese Arbeiten mit einem Empfang beim Kronprinzen gewürdigt.

 Das heutige Grundstück unserer Gemeinde

Ganz besonders möchte ich hervorheben, dass auf den Pastorenfrauen stets eine große Verantwortung lag und ein großes Arbeitspensum wartete. Sie haben stets den größten Teil der Verantwortung und Arbeit des Sozialwerkes übernommen. Aus diesem Grunde haben wir auch eingeführt, dass nach einer Neuausschreibung des Pastorenpostens für die Kreuzkirche das in Frage kommende Ehepaar auf Kosten der Gemeinde nach Addis fliegen konnte. Beide Seiten konnten so feststellen, ob sie sich zumuten wollten, miteinander diese hoch­verantwortliche Arbeit für sechs Vertragsjahre einzugehen. Es hat fast immer geklappt.

Jetzt zu unserem 50-jährigen Jubiläum möchte ich voller Stolz sagen, dass unsere „Gemeinde Deutscher Sprache in Äthiopien“ unsere „Kreuzkirche“ nicht nur in Äthiopien, sondern weltweit anerkannt ist. Sie gilt als vorbildliche Organisation für viele, besonders auch für hochrangige Besucher Äthiopiens. Unsere Kirche ist Anlaufpunkt, neben der Deutschen Botschaft, der Deutschen Botschaftsschule und dem Goethe Institut, für alle neu ankommenden Landsleute.

Unsere Kirche ist ein Beispiel dafür, was durch christlichen Einsatz, beharrliche Arbeit in guten und auch schlechten, ja gefährlichen Zeiten, möglich ist.

Friedrich Wilhelm Graf von der Recke von Volmerstein

1952 Aufruf zur Spendensammlung

1954 stand ein erster Spendenaufruf im Kirchenvorstand zur Diskussion.

In unseren Akten befindet sich davon noch der Entwurf. Hier kommt der Text und das Facsimile. Ein echtes historisches Dokument zu den Anfängen des Kirchenbaus, der dann erst 1964 verwirklicht werden konnte.

Entwurf eines Briefes 
14.5.1954An alle evangelischen Christen deutscher Sprache in EthiopienBetreff: Neubau eines Gemeindehauses mit KirchenraumLiebe Brüder und Schwestern in dem Herrn!Mit Gottes Hilfe wächst unsere Gemeinde von Tag zu Tag; vor 1 1/2 Jahren zählten wir 17 Gemeindeglieder, heute fast einhundert.Es ist zu erwarten, dass sich diese Zahl schnell vermehren wird – damit steigt auch die Zahl der Gottesdienstbesucher am Sonntag; auch die Kinder Sonntag Schule wird stark besucht. Dazu kommen die fest Gottesdienst an Feiertagen, nicht zuletzt Taufen, Konfirmation und Trauungen und sonstige kirchliche Dienste.Unser gemietetes Gemeindehaus ist zu klein! Wir brauchen ein größeres Haus!Da uns die Hermannsburger Mission Asylrecht auf ihrem Grundstück (gegenüber dem Pasteur Institut) dankenswerterweise eingeräumt hat, glauben wir in Eigenhilfe das Problem lösen zu können, um zu einem Gemeinde-Eigenheim zu kommen.Wir appellieren hiermit an alle deutscher Sprache uns Ihre finanzielle Hilfe nicht zu versagen und bitten herzlich um reichhaltige Spenden.Geschäftsunternehmen können diese Hilfsaktion im Dienste der Deutschen Gemeinde auch dadurch unterstützen, dass Baumaterialien und Einrichtungsgegenstände gespendet oder zu verbilligten Preisen zur Verfügung gestellt werden. –Möge Gott dieser Aktion mit seinem Segen vollen Erfolg verleihen – wir wollen dankbar sein dem Herrn für jede Gabe und wollen Gottes reichen Segen erfrieren dienen, die damit Freuden geben.Diese Sammelaktion, im Dienste des Deutschtums, zum Lobe des Herrn und zur Stärkung der uns alle verbindenden Glaubensgemeinschaft, wollen wir unter ein Wort des Herrn stellen:Geben ist seliger denn nehmen!
Mit Glaubens
i.A. W.Tf.d..Kirchenvorstand 

an alle deutscher Firmen und Agentenan
alle Gemeindeglieder
an alle deutscher Sprache
an deutsche Regierungsstellen (durch die Gesandtschaft)
an den Martin Luther Bund, Erlangenan den Gustav Adolf Verein
an den deutschen Industrieverband
an die deutsche Pressean Luther
an Word Council (USA) ?
an die Evangelische Kirche und Evangelische-Lutherische Kirche in Österreich
an die Evangelische Kirche in der Schweiz
an die Afrika Verein in Deutschland durch Presseaufruf
an persönliche Freunde oder persönlich bekannte Firmen in Deutschland durch die Mitglieder des Kirchenvorstands und anderer Förderer.
Überweisungen / Sachspenden aus Deutschland / Ethiopien
an:Deutscher Evangelischer Missionsrat, Finanzkommission, Hamburg 13 Feldbrunnenstraße 29
1954-05-14-Kirchenbau-Brief-Entwurf-01
1954-05-14-Kirchenbau-Brief-Entwurf-02

1956 Erste Entwürfe für die eine neue Kirche

1956-02-20-Entwurf-Kirchenbau-07-200px

Vor über 60 Jahren begann der Kirchenvorstand der Gemeinde mt Vorüberlegungen zum Kirchenbau.

Zu unseren ältesten Aktenstücken gehören Zeichnungen für einen neuen Kirchenbau. 1956 diskutierte der Kirchenvorstand wohl intensiv, wie die zukünftige Kirche aussehen sollte.

Interessant zu sehen, was besprochen wurde und wie die Kreuzkirche dann geworden ist.  

Evangelische Kreuzkirche Addis Abeba um 1968

Kreuzkirche-ca-1968

1928 Evangelisches Gemeindehaus wird eingeweiht

Das Missionshaus der Hermannsburger Mission diente der Evangelischen Gemeinde lange als Gemeindehaus. Hier wurde sie auch gegründet.

12. Februar 1928: Einweihungsgottesdienst der ersten deutschen Ev.-Luth. Gemeinde in Addis Abeba.

Das erste angemietete Missionshaus der Hermannsburger Mission (Ev.-luth. Missionswerk in Niedersachsen, ELM), die Ende 1927 die Arbeit in Äthiopien aufgenommen hatte, diente der Gemeinde zum Gottesdienst.

1928-02-12-Evangelisches-Gemeindehaus

Das Gruppenfoto zeigt oben von links stehend: Hermann Grabe (Hermannsburger Handwerkermissionar), Hans Borinski (Dolmetscher), ein äthiopischer Junge (?), P. Hermann Bahlburg im Talar (Hermannsburger Missionar), und den österreichischen Globetrotter Böhm. Unten auf dem Boden stehend von links: Johannes, Winniger, Dr. Schlobbies, Dr. Prüfer (Deutscher Gesandter), Dr. Melchers (Konsul), Gerke, Büron, Kurt Schumacher mit Frau, Inge Plazikowski, Frau Von Dostrowski, Frau Härtel, ein Kind von Schumachers, Fischer, ein Kind von Schumachers, Frau Gerke, Frau Fischer, Dabbert, Nauss, Stift, Adolf Müller (Hermannsburger Handwerkermissionar) und P. Dietrich Wassmann sen. (Hermannsburger Missionar). Insgesamt ca. 27 Personen.

Ein Geschenk der German Hermannsburg Mission (GHM/ELM) anlässlich des 80-jährigen Bestehens der Evangelischen Gemeinde Deutscher Sprache in Äthiopien.

1928: Erster Schultag

Die Schule der Evangelischen Gemeinde hat eine lange Tradition wie dieses Foto zeigt.

9. November 1928: Der erste Schultag der am 4.11.1928 gegründeten Schule der Evangelisch-Lutherischen Christuskirche in Addis Abeba.

Hinten links: Hermann Bahlburg, Leiter der Hermannsburger Mission in Äthiopien, der neben Dietrich Wassmann, Adolf Müller und Hermann Grabe zu den vier ersten Missionaren gehörte, die am 30.12.1927 in Addis Abeba eintrafen. Rechts Heinrich Asmus, der erste Lehrer der „Georg-Haccius-Schule“ in Addis Abeba von 1928-33, mit den ersten 12 Schülern vor dem ersten Missionshaus.

1928-11-09-Schule-der-Christuskirche-Addis-Abeba

Zur Klasse gehörten sieben Deutsche (sechs Jungen, ein Mädchen), drei Russen (ein Junge, zwei Mädchen), ein Schwede und eine Französin. Die Schule bestand bis 1939/41, als die Hermannsburger Missionare von.den Briten interniert wurden und das Land verlassen mussten.

Ein Geschenk der Hermannsburger Mission anlässlich des 40-jährigen Jubiläums der German Church School 2012.