Ein Achtundsechziger in Äthiopien

Erinnerungen des Dompredigers i.R. Hempel an sein Vikariat in Addis Abeba 1973-1974

Im Interview mit Paul-Josef Raue

Hatten denn die Deutschen in Addis auf einen Achtundsechziger aus Braunschweig gewartet?

Nun ja, ich hatte ja nun das Studium mit dem Examen abgeschlossen, und es begann der Weg in den Beruf — also eher die übliche Entwicklung. Aber was für eine andere Welt für den gerade examinierten Theologiestudenten: Da stand ich vor Botschaftern und offiziellen Repräsentanten deutscher Institutionen, vor gestandenen Missionaren der Hermannsburger Mission, Studienräten der Deutschen Schule und anderen — mit Cordhose, Bart und kariertem Hemd.

Die Zuhörer meiner Predigten waren klassisch akademisch gebildete Leute: Die Lehrer der deutschen Schule, Botschaftsangehörige, Mitarbeiter von UNICEF, und sie alle „stürzten“ sich auf diesen jungen deutschen Vikar. Ich fühlte mich noch als Student — und war von heute auf morgen in eine völlig andere Gesellschaft katapultiert worden. Das machte schon Atemnot, wahrscheinlich auf beiden Seiten.

Ich hatte auch keine liturgische Kleidung, nur ein äthiopisches Kreuz, das ich vom Dekan der Trinity-Cathedral geschenkt bekam, und meinen schwarzen Talar. Meine Frau Gisela bekam eine Arbeit in einem internationalen Kindergarten. So bekamen wir über die Deutsche Gemeinschaft hinaus auch internationale Kontakte. Das war gut.

Was mussten Sie tun? Nur predigen und über das äthiopische Hochland fahren und Reifen wechseln?

Ich bin von heute auf morgen Lehrer an der Deutschen Schule geworden, 7. bis 9. Klasse und Abiturklasse. Ich habe Religionsunterricht in der 13. Klasse gegeben und Abiturprüfungen abgenommen. Gestern war ich noch Student, plötzlich war ich Lehrer. Die Schule war heilfroh, dass sie einen hatten, der Religionsunterricht geben konnte. Der Schuldirektor sagte: „So eine richtige Lehrbefugnis haben Sie eigentlich noch nicht. Ich komm dann mal in den Unterricht und gucke, wie Sie das so machen.“ Der war nach seinem Besuch ganz begeistert von mir.

Und dann?

Kindergottesdienst, Konfirmandenunterricht, das ganze Programm eben. Das einzige, was es nicht gab, waren Trauungen und Beerdigungen, die sogenannten Amtshandlungen. Die habe ich in Afrika nicht so richtig gelernt, die musste ich nachher in Braunschweig nachtrainieren. Mein Ausbildungsreferent nannte das: Braunschweiger Kolorit üben.

Ich hatte auch die Deutschen zu betreuen, die im Land unterwegs waren: Hermannsburger Missionsstationen, Christoffel-Blindenmission — auch das Bau-Camp eines deutschen Straßenbauunternehmens, das eine neue Verbindungsstraße zur Hafenstadt Assab am Roten Meer baute. Da waren wir eingeladen, am Heiligabend zu predigen. Also fuhren wir fünfhundert Kilometer von Addis entfernt; eine Asphaltstraße dorthin gab es nur teilweise. Auch musste ein Mietwagen her, denn mit meinem Triumph wäre der Triumph auf der Straße ausgeblieben. Es waren unsere ersten Erfahrungen mit unterschiedlichen Klimazonen zwischen Bergland, Addis Abeba liegt 2.400 m hoch, und Wüste mit Staub und eigener Fahrweisendynamik! Der schwarze Talar sah später gräulich aus.

Das Baulager war eine richtige kleine Stadt mit Bungalows, in der die Familien wohnten, und einer Schule. Heiligabend war tolles Wetter, die Sonne schien, 25 Grad. Die Arbeiter hatten am Swimmingpool einen Gottesdienstplatz hergerichtet, die Kanzel bestand aus drei aufeinandergestapelten Apfelsinenkisten, ein schönes Tuch drum herum, ein paar Blumen drauf — und vor mir saß die Gemeinde, die guckten zu mir und auf das Wasser im Pool. Wir haben „O du fröhliche“ gesungen und „Stille Nacht, heilige Nacht“ — auf „Leises Schneerieseln“ haben wir aber verzichtet.

Ich hatte den schwarzen tropentauglichen Talar angezogen, darunter war es eher luftig; den Talar habe ich immer noch — er hat wahrlich gute Dienste geleistet. Nach dem Gottesdienst sind alle in den Swimmingpool gesprungen, denn das Klima war feucht-warm. Abends saßen wir mit Freunden und Gastgebern in einem Wohncontainer, der uns als Gästehaus angeboten war; eine Freundin von uns, die in der Hermannsburger Mission im Kindergarten arbeitete, hatte eine Flasche Martini mitgebracht — und den haben wir aus Kaffeetassen getrunken. Es war ein schöner Heiligabend.

Was haben Sie den Bauarbeitern gepredigt, an einem heißen Weihnachtstag in der äthiopischen Savanne, fernab von der Heimat? Kamen Schnee und Tannenbaum vor?

„Weihnachten ist nicht wetterabhängig“, so fing ich an. Natürlich waren alle mit ihren Gedanken im Harz oder im Schwarzwald, eben in ihrer Heimat. Kein „Kling, Glöckchen, kling“, predigte ich, „aber wir wissen es besser: Weihnachten findet auch statt, wenn das übliche Ambiente nicht da ist.“ Ich habe die Leute daran erinnert, dass Weihnachten eigentlich aus solchen Verhältnissen wie in Äthiopien kommt. In Bethlehem ist es bergig, das haben wir in Äthiopien auch; ich habe einmal sogar Schnee gehabt in Addis.

Wie bekommst du geografisch existentielle Situationen zusammen mit biblischen Texten? Diese Frage hat mich lange beschäftigt. Viele der orientalischen Bilder, die es in der Bibel gibt, sind in Äthiopien oder Arabien leichter verstehbar als bei uns in Deutschland. Dort muss ich nicht erklären, was eine Oase ist. Dort muss ich nicht erklären: Der Herr ist mein Hirte. Wo Hirten und Herden zum täglichen Straßenbild gehören, da sind biblische Bilder unmittelbar vor Augen. Du brauchst nur einen, der darauf hinweist, zeigt, dolmetscht, Zusammenhänge herstellt. Daran hatte ich immer Freude!

Für uns in Deutschland ist diese orientalische Bilderwelt eine fremde. Für uns ist sie kompliziert; deswegen haben sich auch Generationen von Predigern geflüchtet in philosophische und pseudo-philosophische Gedankenwelten. Zu meiner Studienzeit jedenfalls stand das Johannes-Evangelium ganz hoch im Kurs wegen seiner wunderschönen philosophischen Sätze wie „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort.“ Die Zuhörer in den Kirchen staunten, weil sie nicht verstanden haben, was der Pastor ihnen sagen wollte, es war zu abstrakt.

Da ist wieder die hermeneutische Frage: Luther schaute dem Volk aufs Maul, aber er redete ihnen nicht nach dem Mund. Diese Einsicht ist ein wichtiger Teil meines beruflichen Weges geworden; dabei kann ich auch theologisch abstrahierend sprechen, das habe ich nachgewiesen mit zwei Staatsexamina.

In Äthiopien kamen Sie nicht gerade in ein Musterland: Ein Kaiserreich seit Jahrhunderten, eines der ärmsten Länder der Welt. Sind Sie ein Bewunderer der Monarchie geworden?

Ich bin Kaiser Haile Selassie auf jeden Fall sehr nahe gekommen, wörtlich verstanden. Schon recht früh bin ich dem Dekan der Dreifaltigkeits-Kathedrale in Addis begegnet, die der Kaiser erst 1941 nach der Rückkehr aus dem Exil eingeweiht hatte. Der Dekan war auch der Beichtvater des Kaisers. Ich bin nun wirklich kein Bewunderer von Monarchen, mir fallen irdische Bewunderungen überhaupt schwer: Mich interessieren Menschen, die etwas zum Guten verändern wollen. Dieser Dekan, noch nicht einmal 50 Jahre alt, kam aus Äthiopien und engagierte sich in Genf im „Ökumenischen Rat der Kirchen“ und war an Reformen in seiner orthodoxen Kirche interessiert.

Der sah nun diesen jungen Vikar, der frisch von der Uni kam. Er mochte meine Frau und mich, nahm uns wie zwei Kinder links und rechts an seine Hand und zeigte uns ein Kloster, für das er zuständig war und in dem er gemäß dem alten Wort „Ora et labora — bete und arbeite“ die Nonnen mit Gartenbau und Handwerk zu neuem Engagement angeregt hatte. Der Dekan wollte neben Wort und Lobgesang auch praktische Arbeit, er wollte Reformen umsetzen, um seine Kirche aus liturgischer Stagnation zu befreien. Er diskutierte mit mir über Martin Luther und den Zusammenhang von theologischer Erkenntnis und praktischem Kirche sein.

Joachim Hempel

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