Eine Kirche – nicht zu groß und nicht zu klein

Ansprache von Pastor Johannes Launhardt am 26. Juni 1966 in Addis Abeba anlässlich der Einweihung der Evangelischen Kreuzkirche in Addis Abeba

Liebe Brüder und Schwestern, verehrte Anwesende!

Ich soll etwas über die Geschichte unserer Gemeinde sagen. Ich weiß nicht, ob Sie alle es verstehen werden, wenn ich hervorhebe, dass für mich der heutige Tag ein ganz besonderer Tag ist. Mehr als 7 Jahre habe ich hier in Addis Abeba gearbeitet und meine Verbindung zur deutschen Gemeinde geht zurück bis in das Jahr 1956. Dass unsere Gemeinde heute ihr neu errichtetes Gotteshaus weihen konnte, ist für mich mehr als nur eine schöne und würdige Angelegenheit. Dass wir eine eigene Kirche einweihen konnten, ist für mich eine Gebetserhörung und ein Zeichen der Gnade Gottes. Aus diesem Grunde habe ich auch gern zugesagt, aus Wollega in Westäthiopien nach Addis Abeba zu kommen und heute Abend etwas über die Anfänge der deutschen evangelischen Gemeinde zu sagen.

Wenn ich nun etwas über die Entstehung der evangelischen Gemeinde deutscher Sprache oder „der Gemeinde evangelischer Christen“, wie unsere Gemeinde früher hieß, sagen soll, dann kann ich nicht umhin, etwas über die Hermannsburger Mission zu sagen. Bereits im vorigen Jahrhundert hatten Hermannsburger Missionare versucht, von der ostafrikanischen Küste aus zu den Oromo – damals sagte man Galla – zu gelangen und ihnen die Botschaft von Christus zu bringen. Die Versuche scheiterten jedoch am Widerstand der muslimischen Behörden und auch an anderen widrigen Umständen. Erst 1927 gelang es den Hermannsburger Missionaren nach Äthiopien zu kommen und genau in diese Zeit fällt die Entstehung der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde. Die Hermannsburger Missionare, und besonders Pastor Bahlburg, luden alle Menschen deutscher Sprache, also Deutsche, Österreicher und Schweizer, zu ihren Gottesdiensten auf den Missionsplatz ein und so entstand eine Gemeinde. Die meisten von Ihnen werden wahrscheinlich nicht wissen, wo die alte deutsche Mission liegt, aber gewiss sind Sie schon daran vorbeigefahren. Der alte Missionsplatz liegt in AA- Ketschene, in der Nähe der Medhane-Alem-Kirche. Auf diesem, von der Hermannsburger Mission gekauften Grundstück, versammelte sich in den 1930er Jahren jeden Sonntag die deutschsprachige evangelische Gemeinde. Dort war auch die Deutsche Schule, Vorläufer der jetzigen Deutschen Schule. Es gab eine Bibliothek und viele andere Möglichkeiten.

Diejenigen unter uns, die sich noch an jene Zeit erinnern, denken gern daran zurück. Autos gab es ja kaum, und so ritt man zu Pferde sonntags zur Deutschen Mission. Man ging dort zum Gottesdienst, blieb aber meistens nach dem Gottesdienst noch da. Die Jüngeren spielten, man konnte singen und Posaune blasen. Man konnte sich Bücher aus der Bibliothek holen und lesen. Und diejenigen, die es sich gemütlich machen wollten, fanden auch einen Liegestuhl. Man sagte mir, dass es meist auch eine Erbsensuppe im Pfarrhaus gab, so dass man wirklich den Sonntagvormittag und auch den Nachmittag auf dem Missionsplatz in Addis Abeba Ketschene verbringen konnte.

Auch während der italienischen Besatzungszeit, die ja 1935 begann, konnten die Deutschen auf dem Platz der Hermannsburger Mission zusammenkommen um Gottes Wort zu hören und sich zu treffen. Der deutsche Schulunterricht wurde ebenfalls fortgeführt. Dies änderte sich, als 1941 Äthiopien mit Hilfe der Engländer von der italienischen Herrschaft befreit wurde. Die Deutschen, auch die Missionare, kamen in Internierungslager, der Missionsplatz wurde beschlagnahmt, und es wurde für über zehn Jahre in Addis Abeba kein deutschsprachiger Gottesdienst mehr gehalten.

Nach dem Kriege waren es zunächst auch wieder Hermannsburger Missionare, die sich um die geistliche Begleitung der in Äthiopien lebenden Deutschen kümmerten. Ich möchte hier besonders Pastor Dietrich Wassmann nennen. Die Hauptarbeit der Missionare lag jedoch in Westäthiopien und sie kamen nur in die Hauptstadt, wenn sie dienstliche Dinge zu erledigen oder Einkäufe zu tätigen hatten. Neben einigen Deutschen und Schweizern bemühte sich besonders Herr Thiel in den Jahren 1951 bis 1957 um die Sammlung der evangelischen Christen deutscher Sprache. Herr Thiel. von Haus aus Ingenieur, wurde zum „Lektor“ berufen, der nebenberuflich Gottesdienste hielt und Konfirmanden unterrichtete. Wenn ordinierte Missionare in der Stadt waren, hielten sie Sakramentsgottesdienste und führten kirchliche Amtshandlungen durch. Herr Thiel war es auch, der zusammen mit P. Wassmann dahin wirkte, dass die Gemeinde sich im November 1952 neu konstituierte und sich eine Verfassung gab. Der Abschluss eines Vertrages zwischen unserer Gemeinde und der VELKD fällt auch in diese Zeit. – Ein einfacher Raum in einem Lehmhaus, nahe der Ras Makonnen Brücke, war gemietet und für Gottesdienste hergerichtet worden.

Als ich im Jahre 1957 von der Hermannsburger Mission nach Addis Abeba versetzt wurde um eine neue Station aufzubauen und die Mission in der lutherischen Kooperation und gegenüber den Behörden zu vertreten, beschloss die von Lektor Thiel geleitete Gemeindeversammlung mich zum Pastor der Gemeinde zu berufen (nebenamtlich). Sonntags traf sich damals eine kleine Schar von sechs bis zehn Personen. Manch einer fragte deshalb, ob es angesichts der geringen Beteiligung – in West-und Südäthiopien waren die Kirchen übervoll – überhaupt nötig sei, jeden Sonntag deutschen Gottesdienst zu halten. Ich dachte anders: Es geht bei Gott nicht um große Zahlen, und wenn nur an jedem zweiten oder dritten Sonntag Gottesdienst ist, wissen neue und seltene Besucher nicht, ob an dem betreffenden Sonntag Gottesdienst ist oder nicht. Der Glaube kommt ja aus dem Hören auf das Wort Gottes; um das zu hören, muss es gelesen und gepredigt werden. Deshalb haben wir uns entschlossen, an jedem Sonntag deutschsprachigen Gottesdienst zu halten, auch wenn nur fünf Leute kamen.

Aber die Dinge änderten sich. Hatten wir in den ersten Jahren einen Gottesdienst-besuch von sechs bis zehn Personen, so wurden es zum Beginn der 1960er Jahre 28 Personen im Durchschnitt. Es wurde nötig, einen Kindergottesdienst einzurichten. Das hat meine Frau getan. Später gab es sogar zwei Kindergottesdienst-Gruppen. Die durchschnittliche Zahl der Gottesdienstbesucher stieg von 28 auf 33 und noch höher. Für uns war das ein klares Zeichen dafür, dass wir eine eigene Kirche wirklich brauchten. Unser angemieteter Raum im Lehmhaus hatte sich als zu klein und auch äußerlich als zu abstoßend erwiesen. Aus diesem Grunde zogen wir 1961 in einen Klassenraum der Deutschen Schule um. Ich möchte an dieser Stelle den Verantwortlichen der Deutschen Schule ganz besonders danken für die Bereitschaft, uns wie selbstverständlich Sonntag für Sonntag einen Raum mit Inventar zur Verfügung zu stellen. Es war eine große Hilfe, aber wir waren uns alle darin einig, dass der beste Klassenraum ein Kirchgebäude nicht ersetzen kann. Für eine Trauung, eine Konfirmation oder eine Trauerfeier ist ein Klassenraum schlecht geeignet. Wir mussten immer wieder Kirchen mieten, und zwar die äthiopische evangelische Mekane Yesus Kirche oder die kleinere Anglikanische Kirche. Dafür zahlten wir pro Veranstaltung 35,00 – 50,00 äthiopische Dollar. Der Wunsch nach einer eigenen Kirche wurde immer lauter.

Aber wie sollten wir es bewerkstelligen? Wir waren eine kleine Gemeinde, die auch bei gutem Willen nicht einfach Zehntausende oder Hunderttausende aufbringen konnte. Dazu kam, dass wir als ausländische Vereinigung in Äthiopien keinerlei Grund und Boden erwerben konnten. Die Gemeindeversammlung hatte sich trotz einiger Gegenstimmen für einen Kirchbau entschieden,, aber die Verwirklichung war nicht einfach. Zunächst mussten wir ein Grundstück bekommen. Dass wir eine Kirche nicht auf gepachtetem Land bauen würden, war jedem einsichtig. So einigten wir uns, den Kaiser Haile Selassie um ein Baugrundstück zu bitten und hatten das feste Vertrauen, dass er uns das Land geben würde. Aber wie sollte unsere Bitte zum Kaiser kommen.

 Ich versuchte es zunächst über den Palastminister. Der sagte: „Die Deutschen sind doch reich. Wenn Sie bereit sind zu bezahlen, dann werde ich mich beim Kaiser dafür verwenden, dass Sie eine Genehmigung bekommen, im Namen der Gemeinde Land zu erwerben.“ Aber wir hatten das Geld ja nicht. So sprach ich andere Leute, die Zugang zum Kaiser hatten, an und trug ihnen unser Anliegen vor. Ich sprach mit dem Patriarchen der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche, mit Staatsrat Hall, der viel für Äthiopien getan hatte, mit einflussreichen Persönlichkeiten und selbstverständlich auch mit den jeweiligen deutschen Botschaftern. Alle versicherten mir, dass sie uns helfen wollten, wenn sich eine günstige Gelegenheit ergäbe. Aber die Gelegenheit ergab sich anscheinend nie, denn unsere Bitte kam nicht zum Kaiser.

Schließlich war es eine Frau unserer Gemeinde, die mutig und vertrauensvoll unser Anliegen dem Kaiser vortrug. Ihr Name ist Vera Schumacher, geborene Hall. Sie, wie auch ihre Schwester, waren Erzieherinnen am kaiserlichen Hof gewesen und hatten auch öfter besondere Kekse für den Kaiser gebacken. Es gehörte sich, dass sie sich, wenn sie nach Deutschland auf Urlaub fuhr, beim Kaiser verabschiedete. So ging sie im Sommer 1961 wieder in den Palast um ihre Reise nach Deutschland anzuzeigen, aber auch um unser Anliegen vorzubringen. Sie musste das natürlich geschickt anstellen und durfte nicht mit der Tür ins Haus fallen. Später erzählte sie mir, wie es war: Nach anfänglichem netten Gespräch fragte der Kaiser: „Madame, kann ich etwas für Sie tun?“ Und da sagte sie: „Majestät, für mich nichts, aber unsere deutsche Gemeinde braucht ein Stück Land, etwa 5000 Quadratmeter für eine Kirche, Pfarrhaus und Gemeindezentrum.“ Da fragte der Kaiser: „Wie viel Geld habt ihr denn?“ Sie sagte „Ungefähr 30.000 Birr.“ Der Kaiser erwiderte: „Das ist ja nicht viel, aber ihr könnt das Land haben,“ und er fügte hinzu: „Was ich der Kirche gebe, das gebe ich Gott. “ Das war ein wichtiger erster Schritt, der 1961 gemacht werden konnte.

Bis zu dem Tage, an dem wir unsere Besitzurkunde in Empfang nehmen konnten, war es jedoch noch ein weiter Weg. 1962 wurde mir vom kaiserlichen Güter-Verwalter ein Stück Land zugesagt, dass unser eigen werden sollte. Es waren etwa 5.000 Quadrat-meter aus dem Privatbesitz des Kaisers, gegenüber dem Neubau der Deutschen Schule gelegen. Wir waren hoch erfreut über die Lage, denn sie war sehr günstig und fingen an, das Land abzustecken. Dabei stellte sich heraus, dass es keinen Zugang zu einer Straße hatte. So begannen Verhandlungen mit der Stadtverwaltung wegen einer Zufahrt zur nahen King-George-Street. Als ich dann aber eines Tages auf der Deutschen Botschaft zu tun hatte, sah ich den Plan für den Bau einer Technischen Hochschule/Universität mit dem dazu erforderlichen Land. Unsere 5.000 Quadratmeter waren da eindeutig mit eingeplant. Nachdem ich das gesehen hatte, bedurfte es für mich keiner weiteren Benachrichtigung mehr. Mir war klar, im Falle einer Auseinandersetzung würde man der Technischen Universität in diesem Stadtteil den Vorrang geben vor einer evangelischen Kirche. Wir zogen die Konsequenzen und baten um ein neues Grundstück.

Nach längeren Verhandlungen wurde die Municipality of Addis Abeba und das Ministry of Pen angewiesen, uns ein Stück Land zu geben. Man zeigte uns das Grundstück, auf dem jetzt unsere Kirche steht. Die Lage war gut, aber der Untergrund morastig. Dazu gab es viele Verhandlungen wegen der Grenzen: Im hinteren Bereich verlief die Grenze mitten durch eine öffentliche Toilette, die Straßenfront betrug zuerst nur 35 Meter und die Grenze zur angrenzenden Schule sollte noch begradigt werden. Um das alles zu erledigen, mussten kleine Tauschdinge vorgenommen und andere Dinge geklärt werden. Es gab ständig neue Probleme, dass selbst Gemeindeglieder und Mitglieder im Kirchenvorstand sagten: Lasst doch die ganze Sache laufen. Man zieht die Sache offensichtlich in die Länge, um nicht Nein zu sagen, und um so vielleicht den Kirchbau als Ganzes zu verhindern.- Wir gaben nicht auf.

Als dann die Grenzen des Kirchengrundstücks einigermaßen klar waren, ergab sich ein anderes Problem: Die Behörden wussten, dass ich auch für die Hermannsburger Mission arbeite und schrieben als Eigentümer in den Title Deed, die Besitzurkunde, „German Mission“. Ich protestierte und wurde darin auch vom Außenamt der EKD sehr bestärkt. Eine ausländische Mission kann man verbieten, aber eine ausländische Gemeinde, die Glieder im Lande hat, kann man nach internationalem Recht nicht verbieten. Jede Religionsgemeinschaft hat das Recht, ihre Religion auch im Ausland auszuüben. Die Besitzurkunde muss also von „German Mission“ auf „German Evangelical Church“ geändert bzw. neu geschrieben werden. Das bedeutete, die Urkunde zurückzugeben und den ganzen Prozess mit all den erforderlichen Unterschriften noch einmal zu durchlaufen. So hat sich die ganze Sache wegen des Grundstücks von 1961 bis 1964 hingezogen.

 Liebe Brüder und Schwestern, ich möchte Ihnen hier offen sagen, dass wir besonders dann, wenn es am dunkelsten aussah, uns an Gott gewandt haben. Die Probleme mit dem Palastminister, dass wir mit der Stadtverwaltung und den Behörden oft nicht weiter kamen , wir haben es im Gebet vor Gott gebracht. Und dann ging es weiter, denn Gott erhört auch in unserer Zeit Gebete. Diese Erfahrung habe ich gemacht, und das will ich nicht verschweigen. Im August 1964 konnte ich schließlich die Besitzurkunde für unser Kirchengrundstück in Empfang nehmen, auf der nun wirklich als Besitzer stand: German Evangelical Church. Eine beglaubigte Kopie dieser Urkunde habe ich dann gleich bei der Deutschen Botschaft deponiert.

Wie es weiterging, haben die meisten von Ihnen selbst erlebt. Ich hörte, dass Bundespräsident Lübke zu einem Staatsbesuch nach Äthiopien käme . Über die Deutsche Botschaft gelang es, das fertige Besuchsprogramm zu ändern und der katholische Bundespräsident war auch bereit, den Grundstein zu unserer evangelischen Kirche zu legen. Das geschah im Oktober 1964, und die Worte des Präsidenten: „Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen,“ habe ich noch im Ohr. Es war ein guter Tag für unsere Gemeinde. Als mir später Bundespräsident Lübke noch einen Scheck über 5000,00 DM für den Kirchbau übergab, dem ein Scheck von Bundeskanzler Erhard in gleicher Höhe folgte, gab es nur Grund zum Danken.

Im Januar 1965 konnten wir die Bauverträge unterzeichnen. Es hatte mehrere Entwürfe für den Kirchbau in Addis Abeba gegeben, zunächst ein groß angelegtes Gemeindezentrum, wofür man 5.000 Quadratmeter bräuchte, dann eine kleinere neugotische Kirche, aber schließlich einigten wir uns auf einen anderen Entwurf. Der Gedanke dahinter war, dass man im traditionellen Afrika runde Häuser baut und so fand der Entwurf des deutschen Architekten R. von Seela von dem Bureau d’Etudes Henri Chomette allgemeine Zustimmung. Mir ging es darum, eine Kirche zu bekommen, in der 25 – 30 Leute sich nicht verloren vorkommen, die aber andererseits so groß ist, dass auch 250 Personen darin Platz finden. Ich denke, dieses hat die Firma Chomette mit Herrn von Seela gut gelöst und ich bin mit dem Endergebnis sehr zufrieden.

Leider musste ich auf Beschluss der Mission und auf Wunsch der Westsynode der EECMY im März 1965 Addis Abeba verlassen, um in Aira die Leitung der Bibelschule und die der äthiopischen Grund- und Mittelschule zu übernehmen. (Zwei leitende Mitarbeiter hatten Aira in Westäthiopien verlassen). Für mich und meine Familie war das nicht so erfreulich, aber ich bin froh, dass heute diese auch architektonisch bedeutende Kirche eingeweiht werden konnte. Ich danke Gott von ganzem Herzen und allen, die dazu beigetragen haben.

Gott segne dieses Gotteshaus und die ganze Gemeinde!

Johannes Launhardt

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