Die Evangelische Gemeinde in Addis Abeba (1973)


In der Nähe der Haile-Selassie I.-Universität am Sidist Kilo und am Rande der großen Kaiser-Wiese, Dchanhoi Meda, steht eine ungewöhnliche, aber schöne moderne Kirche. In dem großen Garten rund um die Kirche sind Pfarrhaus, Versammlungsraum und ein Schulgebäude. Blinde Bettler; Mitglieder des diplomatischen Korps; äthiopische Kinder; Ärzte; Frauen, Männer und Jugendliche verschiedenster Hautfarben gehen täglich ein und aus. Jeder kennt sie als „the German Church“; die „deutsche Kirche“, obgleich sie sich ganz bewusst, im Hinblick auf die nichtdeutschen Mitglieder, „Evangelische Gemeinde Deutscher Sprache“ nennt.

Wieso gibt es eine Evangelische Gemeinde Deutscher Sprache in Äthiopien und seit Wann? Sicherlich seitdem sich zwei oder drei Deutsche evangelischen Glaubens im Lande Äthiopien befanden — denn „wo zwei oder drei zusammen sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter euch!“ — da ist also Gemeinde. Zu den ersten Deutschen, die sich überhaupt in Äthiopien niederließen, um länger hier zu arbeiten und wohnen, gehörten die Missionare. Die Hermannsburger Mission wollte bereits 1848 in diesem Lande unter den Galla arbeiten. Aber erst im Jahre 1928 konnten die Missionare hier anfangen. Sie hielten auch Gottesdienste für sich, unterrichteten ihre eigenen Kinder und besprachen in ihrer Muttersprache die Fragen und Probleme, die ihnen in diesem Lande begegneten. Die anderen deutschsprachigen Menschen, Mitglieder des diplomatischen Korps, Forscher, Geschäftsleute, Abenteurer, Reisende usw. nahmen an den Gottesdiensten teil, schickten ihre Kinder in die deutschsprachige Schule der Mission und kamen in Gespräche über Arbeit und Hiersein im Kaiserreich Äthiopien. Daraus entstand zunächst unbewusst —, dann ganz bewusst, eine „Gemeinschaft Evangelischer Christen Deutscher Sprache in Äthiopien“. Die Notwendigkeit eines solchen geistlichen Mittelpunktes ergab sich aus der Situation. Einige Male ist die Kontinuität der Gemeinde durch Krieg oder andere Umstände unterbrochen worden —aber sie entstand immer wieder neu.

Ein Hauptgrund dafür ist, dass in diesem Lande eine richtige Integration Europäer und Äthiopier weder erwünscht noch möglich ist.

Sehen wir uns nun die Deutsche Gemeinde genauer an. Das Land, auf dem alles steht, wurde vom Kaiser geschenkt und wird auf DM 300.00,— geschätzt. Ein wahrhaft kaiserliches Geschenk an eine kleine Gruppe Menschen, hauptsächlich aus Dankbarkeit, dass ein paar deutsche Frauen die fromme Erziehung seiner Kinder, Neffen, Nichten und Enkel übernommen haben. Alles hier ist auf Beziehung oder besser gesagt, auf „Vertrauen in Personen“, aufgebaut.

Die Kirche selbst ist der Entwurf eines früheren Kunstlehrers der Deutschen Schule, Herrn Dinkhuhn, der sie für „äthiopisch“ hielt. Die Umgestaltung seiner Grund-Idee wurde von einem deutsch-französischen Architekten vorgenommen, der die State Bank und andere Rundgebäude hier im Lande baute.

Die Kirche trägt den Namen „Kreuzkirche“ (amharisch: Mäskäl-Kirche). Bei ihrer Einweihung nahmen zum ersten Male im Lande alle hiesigen Kirchen teil, von der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche über die Mäkanä-Ijäsus-(äthiopisch lutherische) Kirche, bis hin zur Katholischen Kirche. Die Äthiopier sehen den Bau als „typisch deutsch“ an und staunen darüber, dass die Deutschen nicht nur Mercedes und Volkswagen bauen können. Orthodoxe Priester verbeugen sich vor der Kirche, und wenn sie hineinschauen, in den wirklich gelungenen Innenraum mit seinem sich nach oben verjüngenden Pfeilern, die sich zu einer tiefblauen afrikanischen Himmelsdecke voller Sterne strecken, und wenn sie das große Holzkreuz bis beinahe unter der Decke erblicken, und wenn sie durch das runde Fenster über dem großen ellipsenförmigen Altar auf das Turmkreuz blicken, sagen sie erstaunt: „Sind Deutsche auch Christen? Das wussten wir nicht!“ Der jetzige Patriarch drückte es so aus: „Wir nehmen Euch als Brüder in Christus auf —, weil Ihr auch eine große Kirchentradition habt!“ Im groß angelegten Pfarrhaus finden regelmäßige wöchentliche Gesprächsabende über alle Fragen der Entwicklungshilfe, Wirtschaft und Theologie statt. Ein neutraler Ort der Begegnung für Menschen, die „Deutsch reden“ möchten. Auch ein gastfreies Haus, in dem eine Mutter über ihre Kindererziehung, ein orthodoxer ‚Bischof über seine Handwerkerschule, eine Prinzessin über ihre Sozialaufgabe, ein Tourist über seine Eindrücke vom Lande, oder ein Hippie über seine Geldnöte reden kann.

Die Sozialgebäude wiederum zeigen, dass die Kirche ernsthaft versucht, ihre Aufgaben in der Welt wahrzunehmen. Blinde Bettler, verlauste Kinder, Soldatenfrauen, Kleinbürger des Landes, entwurzelte Bauern, Teenagers, die ihre Schulbildung nicht zu Ende machen konnten, werden hier betreut. Von Montag bis Samstag, 9.00 bis 20.00 Uhr, ist dieses Zentrum für sie offen. Sie nennen es ihre Kirche, obgleich der Religionsunterricht, den sie bekommen, von einem orthodoxen Priester erteilt wird. Der Stab besteht aus Äthiopiern und Europäern, die hier zusammenarbeiten.

Der Dienst der Evangelischen Gemeinde zu Addis Abeba Jeden Sonntag um 10.30 Uhr hält die Gemeinde in der Kreuzkirche Gottesdienst und Kindergottesdienst. An jedem ersten Sonntag im Monat wird das Abendmahl gefeiert. Wöchentlich finden Vortrags- und Aussprache-Abende für Erwachsene statt. Die Jugend wird zu Film,- Schallplatten-, Diskussionsabenden und Ferienlagern besonders eingeladen. Kindernachmittage werden regelmäßig durchgeführt. Der Chor der Gemeinde ist international und überkonfessionell besetzt. Die Theatergruppe der Gemeinde tritt mehrere Male im Jahr mit Aufführungen an die Öffentlichkeit. Gemeindemitglieder leiten die umfangreiche Sozialarbeit (z. B. Näh- und Kochkurse, Literacy, Kinder-Vorschule, Abendkurse usw.) für etwa 150 Äthiopier der Nachbarschaft, und 30 Blinde.

Auch für überkonfessionelle Veranstaltungen und Gottesdienste anderer Konfessionen wird die Kirche zur Verfügung gestellt. Eine Buchhandlung ist mit Büchern der deutschen Sprache der Kirche angeschlossen. Die Gemeinde pflegt die Verbindung zu Christen anderer Konfessionen und Nationen. Sie steht in der ökumenischen Bewegung und ist offen für alle Menschen, die am Leben der Gemeinde teilnehmen und bei der Erfüllung ihrer Aufgaben helfen wollen.

William Lane Graffam

William Lane Graffam war der erste von der EKD entsandten Pfarrer der deutschsprachigen Gemeinde in Addis Abeba. Er war von 1966 – 1975 Pfarrer unserer Gemeinde.

aus: „Zeitschrift fuer Kulturaustausch“, Sonderausgabe 1973, „Aethiopien“

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